Die Ausgrabungen in Boğazköy-Ḫattuša 2019

  • Andreas Schachner (Deutsches Archäologisches Institut, Abteilung Istanbul)
Schlagworte: Ḫattuša, Unterstadt, kārum-Zeit, hethitische Zeit, Erdbeben, Yazılıkaya, römische Kaiserzeit, Villa

Abstract

Im Bereich des kārum wurden weitere Teile eines großen Vorratsgebäudes freigelegt, das in dieser Form bisher in keiner anderen Siedlung der altassyrischen Handelskolonien nachgewiesen werden konnte. Die große Menge an typologisch gleichförmigen Vorratsgefäßen vermittelt erstmals einen konkreten Einblick in die zentral geplanten und organisierten Wirtschaftsstrukturen des mittelbronzezeitlichen Fürstentums von Ḫattuš. Nach der Zerstörung dieses Komplexes, die durch eine weitere Keilschrifttafel auf die Zeit nach 1748 v. Chr. eingegrenzt werden kann, wird dieses Areal als große freie Fläche, in der nur stellenweise Öfen oder andere, wenig substantielle Installationen angetroffen wurden, unmittelbar weitergenutzt, so daß erneut – und hier erstmals in einer größeren Fläche – nachgewiesen werden kann, daß der politische Hiatus zwischen der kārum-Zeit und der Gründung des hethitischen Reichs nicht mit eine völligen Aufgabe der Siedlung gleichzusetzen ist. Die großflächige Neustrukturierung der Bebauung erfolgt nach Ausweis der Radiokarbondatierungen bereits sehr früh in der althethitischen Epoche, so daß Hinweise auf die Planungskriterien der hethitischen Machthaber sichtbar werden. Der wahrscheinliche Nachweis einer Zerstörung (von Teilen) der nördlichen Unterstadt durch ein Erdbeben bereits in der älteren Großreichszeit ist von besonderer Bedeutung. Sie bestätigt Beobachtungen in anderen Teilen der Unterstadt und macht deutlich, daß zu bestimmten Zeiten, vor allem aber in der jüngeren Großreichszeit, die bislang stets als der Höhepunkt der Stadt- und Reichsentwicklung angesehen wurde, nicht mit einer flächendeckenden Nutzung zu rechnen ist. Vielmehr ist von einer räumlich variierenden, partiellen Nutzung des ausgedehnten Stadtgebiets auszugehen. Diese Erkenntnis eröffnet neue Perspektiven für die zukünftige Erforschung der hethitischen Siedlung. Durch den intensiven Einsatz dreidimensionaler Dokumentationstechniken wurde in der Kammer B von Yazılıkaya mit hoher Wahrscheinlichkeit ein bisher unbekanntes Relief nachgewiesen. Dank der gleichen Technologie kann auch die Lesung einer Inschrift am Löwentor verbessert werden. Die Untersuchungen im Bereich des römischen Militärlagers und eines ausgedehnten Villenkomplexes bestätigen die bisherigen chronologischen Ergebnisse. Gleichzeitig konnte möglicherweise ein Zugang zu dem Lager von Norden aufgedeckt werden.

Veröffentlicht
2020-11-04
Rubrik
Artikel