Überlegungen zum Œuvre Polyklets

  • Sascha Kansteiner (Staatliche Kunstsammlungen Dresden)
Schlagworte:
Statuen des Herakles, Amazone Typus Sosikles, Kopienproduktion, Verkleinerungen
Abstract

Die hier präsentierten Überlegungen nehmen ihren Ausgang von mehr als 50 Skulpturen, die in der Forschung auf zwei verlorene Bronzestatuen von der Hand Polyklets zurückgeführt werden, einen Herakles und eine Amazone. Zur Überlieferung beider statuarischer Typen werden in der Regel auch etliche Stücke gezählt, die sich deutlich von der Hauptüberlieferung unterscheiden. Während bisher versucht wurde, die Abweichungen zu bagatellisieren und sie römisch-kaiserzeitlichen Bildhauern anzulasten, wird hier die Annahme vertreten, dass die genannten Bildwerke nicht auf zwei, sondern auf vier eigenhändigen Werken Polyklets fußen, von denen sich jeweils zwei in bestimmten Punkten sehr ähnlich gewesen sein müssen. So taucht im Œuvre des argivischen Bildhauers ein bestimmtes Haltungsmotiv, die an den Rücken gelegte Hand, anscheinend mehrfach auf, und auch die für die berühmte polykletische Amazone charakteristische Frisur hat noch ein zweites Mal, in nur geringfügig modifizierter Form, für eine Figur ganz anderen Inhalts Verwendung gefunden. Die Unterschiede, die zwischen einem großformatigen, vornehmlich durch Hermen bezeugten Kopftypus und einem kleinformatigen statuarischen Typus bestehen, sind hingegen derartig marginal, dass sie nicht damit erklärt werden können, Polyklet habe zwei Fassungen desselben Sujets, einmal in Lebensgröße und einmal im Statuettenformat, geschaffen. In diesem Fall muss man vielmehr davon ausgehen, dass es – zu einem nicht näher einzugrenzenden Zeitpunkt – zur Kreation einer kleinformatigen ›Zwischenfassung‹ gekommen ist, die ihrerseits abgeformt und häufig kopiert worden ist.

Veröffentlicht
2022-05-05
Rubrik
Artikel