Überlegungen zum Œuvre Polyklets
1Seit der bahnbrechenden, im Jahr 1863 publizierten Entdeckung von Karl Friederichs (1831–1871), dass sich das Hauptwerk Polyklets, sein Speerträger, in römisch-kaiserzeitlichen Kopien fassen lässt, kreisen die Überlegungen der archäologischen Forschung regelmäßig um die Frage, welche statuarischen Typen im Œuvre des argivischen Bildhauers verankert werden können. Ihren Ausgang nehmen die mit dieser Frage verbundenen Recherchen häufig von antiken Texten, in denen Werke des Polyklet Erwähnung finden. In der Forschung ist daher auch immer wieder die Frage angeschnitten worden, ob sich sein Herakles, den Plinius in der Naturalis historia nennt, in der materiellen Überlieferung nachweisen lässt[1]. Auf der Suche nach Kopien dieser Statue begegnet man einer verbreiteten Schwierigkeit: Ein leicht überlebensgroßer statuarischer Typus, den drei Repliken überliefern, hinterlässt aufgrund der imposanten Muskelbildung zwar einen durchaus herkulischen Eindruck, aber ein Attribut, das die Deutung stützen könnte, ist nicht vorhanden. Hinzu tritt das gleichfalls nicht ungewöhnliche Phänomen, dass keiner der Körper zusammen mit dem Kopf überliefert ist. Carlo Anti hat jedoch vor über hundert Jahren vorgeschlagen, einen polykletischen Kopftypus, der sich in der Kaiserzeit großer Beliebtheit erfreut hat, mit dem Körper zu verbinden. Hier soll geprüft werden, ob Anti mit seiner Rekonstruktion richtig liegt und in welchem Verhältnis der von Anti für die Rekonstruktion herangezogene Kopftypus zu einem kleinformatigen statuarischen Typus steht. Es ist zu untersuchen, ob der kleinformatige Typus auf ein ›Zwischenoriginal‹ zurückgeht, dessen Schöpfer ein großformatiges polykletisches Werk in der Größe erheblich reduziert hat. Unmittelbar damit verbunden ist eine umfassendere Fragestellung: Welche berühmten griechischen Statuen sind mit Hilfe von kleinformatigen ›Zwischenoriginalen‹ reproduziert worden? Die Überlieferung des mutmaßlichen polykletischen Herakles bietet außerdem Gelegenheit, erneut der Frage nachzugehen, wie ähnlich sich einzelne Werke des Polyklet gewesen sind. In diesem Zusammenhang wird ein weiblicher Kopftypus näher zu betrachten sein, der in der Forschung häufig mit der Amazone Typus Sosikles verwechselt worden ist.
›Typus I‹
2Furtwängler ist es im Jahr 1893 gelungen, anhand von drei Torsi in Kopenhagen, im Hof des Palazzo Mattei und im Thermenmuseum einen statuarischen Typus zu konstituieren, der wegen der stilistischen Nähe zum Doryphoros auf einem Werk des Polyklet fußen muss[2]. Furtwängler hat außerdem erkannt, dass eine Reihe von Statuetten mit dem von ihm konstituierten Typus im Haltungsmotiv des nach hinten geführten linken Arms übereinstimmt. Er nahm an, die Statuetten würden das Original in jeder Hinsicht, also auch im Hinblick auf den Kopf und den rechten Arm, getreu überliefern, ging aber nicht darauf ein, dass die Haltung des rechten Arms bei den Statuetten eine andere ist als bei den großformatigen Stücken. Furtwängler hat darüberhinaus übersehen, dass mit dem Kopf der Statuetten ein gleichfalls von ihm konstituierter, als Herakles gedeuteter Kopftypus typologisch übereinstimmt[3]. Dies erkannte kurze Zeit später Studniczka[4], der dabei jedoch seinerseits eine wichtige Beobachtung Furtwänglers außer Acht gelassen hat: Während die Torsi in der Größe dem Doryphoros entsprechen, unterscheidet sich der Kopftypus von diesem »durch die kleineren Maße«[5].
3Nachdem Lippold 1908 nicht weiter auf das Verhältnis der großformatigen Köpfe zu den Torsi eingegangen war[6], glaubte Anti, dessen ›Monumenti Policletei‹ vom Herakles ihren Ausgang nehmen, im Jahr 1920 den Missing Link gefunden zu haben: ein Kopffragment aus den Caracalla-Thermen, das zu der ebenda entdeckten Torsoreplik im Thermenmuseum gehöre[7]. Anti konnte seine These nicht durch Angaben zur Größe untermauern – die Größe des von ihm erstmals vorgestellten Kopffragments wird gar nicht mitgeteilt –[8]; seine Ausführungen hielt man jedoch für so zwingend, dass das Kopffragment, um Hals und Untergesicht ergänzt, vor 1928 dem Torso aufgesetzt worden ist. Auch wenn das Ergebnis schon auf den ersten Blick einen eher merkwürdigen Eindruck hinterlässt (Abb. 1), war der Wunsch, den bereits erschlossenen Werken des Polyklet ein weiteres großformatiges hinzufügen zu können, offenbar so stark, dass die von Anti angeregte Teil-Rekonstruktion bis vor kurzem als gesichert galt[9]. Auf Antis Überlegungen aufbauend, hat Berger im Jahr 1992 den Versuch unternommen, den Typus anhand zweier anderer Repliken im Abguss zu rekonstruieren (Abb. 2)[10].
4Wäre Antis Rekonstruktion zutreffend, müsste sich die Statue durch den kleinen Kopf – seine Größe stimmt mit derjenigen der übrigen Repliken überein[11] – von allen übrigen Werken Polyklets entschieden abgehoben haben[12]. Dies ist jedoch deshalb nicht zu erwarten, weil die Ausgewogenheit in der Proportionierung charakteristisch für das Schaffen der griechischen Bildhauer des 5. Jhs. v. Chr. gewesen zu sein scheint und bei Polyklet ihren Ausdruck u. a. in einer vergleichsweise großen Kopfhöhe findet[13]. Die ungewöhnlichen Proportionen lassen sich auch nicht damit erklären, dass sie »möglicherweise als Charakteristikum dieses kraftstrotzenden Helden« aufzufassen seien[14]. In der griechischen Plastik ist erst im 4. Jh. v. Chr., und auch dann erst zu Lysipps Zeit, eine vergleichbare Zurschaustellung der Muskulatur bei gleichzeitiger Reduzierung der Kopfgröße bezeugt (Herakles Typus Lenbach). Der zu den drei Torsi gehörige Kopftypus ist also noch nicht identifiziert. Da die Torsohöhe in etwa derjenigen des Doryphoros entspricht, ist für ihn eine Größe zu postulieren, die, vom Kinn bis zum Scheitel gemessen, um rund 2,0 cm über derjenigen des Kopftypus liegen muss, den Anti für die Rekonstruktion verwendet hat.
5Gegen die Zusammengehörigkeit von Kopf- und Körpertypus spricht außerdem auch die Tatsache, dass der Kopftypus zu Recht – die Disposition des Haupthaars lässt keinen anderen Schluss zu – auch in den bereits erwähnten, untereinander maßgleichen Statuetten erkannt worden ist, die zwar in der Position des linken Arms, nicht aber in derjenigen des rechten den drei großformatigen Stücken entsprechen. Während bei den zuletzt genannten drei Skulpturen der rechte Arm den erhaltenen Stegresten zufolge fast genau so positioniert war wie derjenige des Doryphoros, ist der rechte Oberarm der Statuetten etwas nach vorn genommen. Der bei keiner von diesen erhaltene Unterarm muss in einer Weise angewinkelt gewesen sein, dass sich die Hand ungefähr auf der Höhe des Kinns befunden hat. Dies geht daraus hervor, dass der Arm bei einigen Repliken durch einen Stützsteg gesichert war, der von der Brust seinen Ausgang nimmt und zum Handgelenk geführt haben wird. Die Armhaltung kann nicht mit Anti als beliebige Variation interpretiert werden[15], da sie keine Ausnahme darstellt, sondern sowohl bei den drei Torsi als auch bei den fünf Statuetten jeweils einheitlich überliefert ist[16]. Auch Lippolds Vermutung, die Kopisten der drei Torsi hätten sich durch die Änderung der Armhaltung die Arbeit erleichtern wollen[17], kann nicht richtig sein, weil Vereinfachungen dieser Art bei mehrfach oder häufig kopierten Statuen mit vergleichbarer Armhaltung, etwa beim Hermes Typus Ludovisi, beim Hermes Typus Perinth-Kyrene und beim Hermes des Polyklet[18], nicht nachzuweisen sind.
6Wenn die typologische Zuweisung einer Porträtstatue in Messene (Abb. 3) zum ›Torso-Typus‹ (Typus I) richtig ist[19], erstreckten sich die Unterschiede zwischen Typus I und II außerdem auch auf das Standmotiv: Die in Messene gefundene Statue, deren Porträtcharakter gut an der Lippenbildung und am Vorhandensein von Augenbrauen abzulesen ist[20], lässt sich wegen der Größe, der Gestaltung der Pubes – man vergleiche die Pubes der Torsoreplik in Kopenhagen[21] – und wegen des Haltungsmotivs des linken Arms als Umdeutung des ›Torso-Typus‹ bestimmen. Vergleicht man das Standmotiv mit demjenigen der Statuette im Vatikan (Abb. 4. 5), wird deutlich, dass deren Spielbeinfuß nicht so weit zurückgesetzt ist wie derjenige der Statue in Messene.
7Es lässt sich festhalten, dass Typus I und II eigentlich nur darin übereinstimmen, dass das rechte Bein das Standbein, der Kopf zu dieser Seite gedreht und der linke Arm nach hinten genommen ist.
8Es gibt somit einen überlebensgroßen polykletischen Körpertypus (Typus I), dessen linke Hand nie erhalten ist, dessen rechte Hand ebenso wie diejenige des Doryphoros leer gewesen sein dürfte und dessen Kopf wir bislang nicht kennen, sowie einen weiter verbreiteten zweiten Typus (Typus II), der gleichfalls mit Polyklet zu verbinden ist, dessen Körper jedoch nur auf der Basis einer Reihe von ca. 65 cm hohen Statuetten rekonstruiert werden kann, während vom Kopf auch eine großformatige Replikenreihe existiert.
9In der imposanten Muskelbildung im Nackenbereich von Typus I ist vielleicht ein Hinweis darauf zu erkennen, dass mit dieser Statue Herakles gemeint war. Dass seine rechte Hand auf der Keule ruhte, halte ich allerdings mittlerweile für äußerst unwahrscheinlich[22]: Bei Statuen, deren Hand in vergleichbarer Weise mit einem Attribut in Verbindung steht, haben die Kopisten, wie etwa die berühmte, aus der Sammlung Borghese stammende Umdeutung des Doryphoros als Hermes zu erkennen gibt[23], in der Regel auf den zum Handgelenk führenden Steg verzichtet und das Attribut direkt mit der Standbeinstütze verbunden oder die Keule durch einen zum Oberschenkel führenden Steg gesichert[24]. Da man außerdem kaum davon ausgehen darf, dass die linke Hand einen oder mehrere Äpfel umfasst hielt – dieses Motiv dürfte in der Großplastik erst im 4. Jh. v. Chr. realisiert worden sein[25] –, kann Polyklets mutmaßlicher Herakles eigentlich nur anhand einer Inschrift zu identifizieren gewesen sein.
10Von den wenigen, auf Werke Polyklets zurückgeführten Köpfen, deren Körper bislang nicht bekannt ist, lässt sich keiner mit Typus I verbinden. Ein aussichtsreicher Kandidat schien mir ein nach rechts gedrehter Kopf im Depot der Centrale Montemartini zu sein, der schon vor langer Zeit als polykletisch bestimmt werden konnte, dem aber in den neueren Forschungen zu Polyklet kaum noch Beachtung zuteil geworden ist (Abb. 6. 7)[26]. Dieser Kopf kann, anders als Zanker vermutet hat[27], keine »Umbildung« des Kopfes von Typus II sein, weil eine solche keinerlei Sinn ergäbe und angesichts des in den Kopierbetrieben üblichen Umgangs mit Abgüssen polykletischer Werke auch gar nicht zu erwarten ist. Mit einer Höhe von 24,5 cm (vom Kinn bis zum Scheitel) muss der Kopf jedoch ebenso wie derjenige von Typus II (s. u.) zu einer Statue gehört haben, die kleiner als Typus I gewesen ist und in der Größe dem ca. 1,84 m großen polykletischen Hermes nahe gestanden hat[28].
›Typus II‹
11In welcher Weise sich die Überlieferung von Typus II von derjenigen des hier als Typus I bezeichneten unterscheidet und warum die Divergenzen nicht das Resultat von Veränderungen seitens der Kopisten sein können, habe ich oben erläutert (§ 5–6). An dieser Stelle sei aber noch auf eine Besonderheit hingewiesen, die für die großformatige Überlieferung von Typus II charakteristisch ist: Bei einem Kopf im Museo Chiaramonti (Abb. 8), den schon Furtwängler mit Typus II in Verbindung gebracht hat[29], handelt es sich, wie Raeder erkannt hat, um eine seitenvertauschte Replik, die der Erhaltung zufolge als Einsatzkopf zu einer Herme gehört haben wird[30]. Von der Kopfreplik im Palazzo Medici-Riccardi[31] ist ebenfalls der ganze Hals erhalten, was es erlaubt, auch diesen Kopf einer Teilkopie in Hermenform zuzuweisen. Damit haben von den insgesamt 16 großformatigen Repliken[32] zwölf oder mehr – beim Kopf in der Centrale Montemartini (Abb. 9) beispielsweise bleibt es unsicher, ob er Teil einer Statue oder einer Herme gewesen ist (die Kopfhaltung ist ziemlich gerade) – zu Hermen, Doppelhermen oder Büsten gehört. Außer der Kopfreplik aus den Thermen des Caracalla gibt es nur eine weitere, die Teil einer Statue gewesen sein dürfte. Gemeint ist der Kopf im Corte d’Appello in Florenz (Abb. 10), der an dieser Stelle erstmals vorgelegt wird[33]. Er ist auf eine neuzeitliche Büste montiert, in ca. 4 m Höhe an der Fassade angebracht und infolgedessen stark verwittert. Da dieser Kopf sehr weit oben, am Halsansatz, gebrochen ist, wird man ihn eher mit einer Statue als mit einer Herme verbinden dürfen.
12Wen Polyklet mit der Bronzestatue, die dem Typus II zugrunde liegt, dargestellt hat, ist unklar. Von den großformatigen Repliken des Kopfes weisen vier Hermenrepliken eine gedrehte Wulstbinde auf[34], was damit zu erklären sein dürfte, dass die Hermen auf diese Weise als Herakles kenntlich gemacht werden sollten[35]. Zieht man die Überlieferung der berühmtesten griechischen Statuen des unbärtigen Herakles, des Herakles Typus Lansdowne und des Herakles Typus Lenbach, zum Vergleich heran, lässt sich erkennen, dass dort das für beide Originale erschlossene Strophion in der Regel entweder kopiert oder aber in eine mit Blättern geschmückte Binde transformiert worden ist[36]. Nur ausnahmsweise findet man auch eine Binde, die derjenigen der vier polykletischen Hermen ganz ähnlich sieht[37]. Nahezu identische Binden tragen außerdem einige Hermenrepliken des sog. Diskophoros, eines Frühwerks des Polyklet[38]. Dort dienten die Binden der Heroisierung des Dargestellten. Durch sie konnte der in der römischen Kaiserzeit längst vergessene Athlet, den das Original dieses Typus zeigte[39], bequem in einen Heros verwandelt werden, was die Attraktivität der Hermen beim Betrachter erhöht haben dürfte. Für die Beurteilung von Typus II ergibt sich aus dem Vergleich mit den Hermenrepliken des sog. Diskophoros, dass die Binde keinen Hinweis auf den ursprünglichen Inhalt der Darstellung liefert.
13Aufschluss über das Thema ist vielmehr von einem Attribut zu erwarten, das sich in einer der Hände befunden haben kann. Da die bei zwei Statuetten (Appendix Nr. 2 und Nr. 4) erhaltene linke Hand leer ist[40], müssen sich die Überlegungen auf die rechte Hand konzentrieren, die sich durch eine exponierte Haltung auszeichnet. Mehrfach ist von einer Ansatzspur an oder oberhalb der rechten Hüfte der Statuette im Museo Barracco [2] die Rede[41], was zu der Annahme geführt hat, die Figur habe rechts ein Kerykeion gehalten[42]. Der Stegrest sitzt aber auf der rechten Brust (s. o.). Da es außer diesem Steg bei keiner der Statuetten eine weitere Ansatzspur gibt, sind die Rekonstruktionen, in denen die Figur ein längliches Attribut, etwa ein Kerykeion oder eine vor dem Körper befindliche Schwertscheide (Hafner) hält, als obsolet anzusehen. Auszugehen ist vielmehr davon, dass die rechte Hand ebenso wie diejenige des als Hermes bestimmten statuarischen Typus[43] leer gewesen ist und einen Redegestus vollführt hat. Damit ist der Dargestellte freilich noch nicht benannt. Gegen eine Deutung als Hermes spricht, dass es in diesem Fall eigentlich zu erwarten wäre, dass die eine oder andere Kopie analog zu einigen Repliken des polykletischen Hermes um Flügelchen oder um einen Petasos bereichert worden ist. Kopfflügel gibt es aber nur in einem einzigen Fall, bei dem Kopf, der 1895 in Ephesos zu Tage getreten ist[44]. Es ist daher denkbar, dass die polykletische Statue nicht Hermes, sondern einen griechischen Heros – bei einer Ansprache – gezeigt hat.
14Der zu den großformatigen Köpfen von Typus II gehörige statuarische Typus muss eine Höhe von ca. 1,84 m gehabt haben, da die Höhe der Köpfe ungefähr derjenigen der Kopfrepliken des Hermes des Polyklet entspricht[45].
›Zwischenoriginale‹
15Von den Statuen, die Polyklet geschaffen hat, gibt es nur wenige Wiederholungen, deren Bildhauer die Größe des jeweils zugrunde liegenden Originals reduziert haben. Während von den häufig kopierten statuarischen Typen des sog. Epheben Westmacott und des sog. Dresdner Knaben bislang keine einzige verkleinerte Fassung bekannt geworden ist[46], lassen sich in der reichen Überlieferung des Diadumenos immerhin drei bis vier verkleinerte Fassungen – in Kassel, London und in Privatbesitz[47] – sowie in derjenigen des sog. Diskophoros eine um 50 % verkleinerte Umdeutung als Hermes nachweisen[48]. Berücksichtigt man, dass die vielen Statuetten des hier besprochenen Typus II alle um knapp zwei Drittel verkleinert sind, kommt man nicht umhin, ein sog. Zwischenoriginal zu postulieren, das in späthellenistischer Zeit entstanden sein dürfte[49].
16Zwischenoriginale, also Bildwerke, die als genaue verkleinerte Wiederholungen auf berühmte griechische Statuen zurückgehen und selbst abgegossen sowie kopiert worden sind, lassen sich bislang nur selten nachweisen. Erst kürzlich konnten einige statuarische Typen konstituiert werden, deren Replikenreihen auf Zwischenoriginalen fußen, welche sich dadurch auszeichnen, dass ihre Bildhauer die Größe der Erstfassung auf Ephebenformat reduziert haben[50]. In drei Fällen, beim Ölgießer Typus Braccio Nuovo/Turin, beim Apoxyomenos Typus Fondi/ACEA und beim Strigilisreiniger Typus Braccio Nuovo/Paris, war es deshalb möglich, ein Zwischenoriginal zu erschließen, weil die Repliken trotz Ephebengröße Pubes aufweisen[51]. Dem Betrachter des jeweiligen Zwischenoriginals bzw. seiner Repliken gab dieses Detail Auskunft darüber, dass er es mit Werken zu tun hatte, die in ihrer ursprünglichen Fassung die Größe eines Erwachsenen oder Überlebensgröße besessen haben müssen. Über die Umstände, die zur Kreation solcher Zwischenoriginale geführt haben, lässt sich nur spekulieren. Das Interesse an knabengroßen Fassungen von athletischen Themen bzw. Darstellungen, die aus klassischer Zeit nur in Erwachsenengröße verfügbar waren, könnte eine maßgebliche Rolle gespielt haben.
17Weshalb sich daneben die eigentlich gut nachvollziehbare Praxis, eine auf Statuettengröße reduzierte Verkleinerung eines großformatigen opus nobile klassischer Zeit herzustellen, abzugießen und zu kopieren, bislang nur bei dem hier besprochenen Typus II hat nachweisen lassen, bleibt ein Rätsel[52]. Es gibt zwar etliche in der römischen Kaiserzeit geschaffene Statuetten, die auf großformatigen Originalen des 5. und 4. Jhs. v. Chr. fußen[53], sowie einige wenige kleinformatige statuarische Typen, die ebenfalls auf Originale des 5. und 4. Jhs. v. Chr. zurückgeführt werden, aber anscheinend nur sehr wenige Befunde, die demjenigen von Typus II nahekommen. Den statuarischen Typus einer im mittleren 5. Jh. v. Chr. entstandenen Peplophoros bezeugen drei maßgleiche, ohne Kopf erhaltene Repliken mit einer ursprünglichen Größe von etwa 47 cm[54], an die Tölle-Kastenbein als »Umsetzung in ein größeres Format« eine mit ergänztem Kopf 1,47 m große Statue im Museo Chiaramonti angeschlossen hat (Kat. 54f)[55]. Da das von Tölle-Kastenbein nicht abgebildete, ehemals im Palazzo Camuccini in Cantalupo (Latium) aufbewahrte Fragment (Kat. 54d) einem Foto aus dem Nachlass von Ernst Langlotz zufolge in einem Replikenverhältnis zu Kat. 54f steht[56] und da zu den beiden lebensgroßen Stücken noch ein drittes in Form einer Umdeutung als Hekate hinzukommt[57], ist die These von der Vergrößerung jedoch hinfällig[58]. Geht man nun davon aus, dass den Bildhauern der drei Statuetten ein Zwischenoriginal vorgelegen hat, bleibt freilich unklar, warum die Statuetten in der Haltung des rechten Arms, der bei ihnen nicht erhoben ist, und auch in der Disposition einiger Falten des Peplos, vornehmlich an der rechten Flanke und auf der Rückseite, von der großformatigen Überlieferung abweichen.
18Einen Befund, der demjenigen des Typus II besser vergleichbar zu sein scheint, bietet die Überlieferung der sog. Aspasia. Nachzuweisen sind dort außer vielen maßgleichen Repliken, die auf ein bis zum Scheitel etwa 1,83 m großes Original aus der Zeit um 460 v. Chr. zurückgehen, einige Statuetten mit einer Größe von ungefähr einer Elle[59]: Eine in Hama (Syrien)[60] gefundene und eine in New York aufbewahrte Wiederholung[61] kommen bzw. kamen ohne die Plinthe auf eine Höhe von ca. 43 cm und eine verschollene Statuette der Sammlung Grimani ist zusammen mit der profilierten Plinthe 50 cm groß[62]. Ein 36,5 cm hoher Torso in Venedig und ein Kopf in Rom[63] passen von der Größe her so gut zueinander, dass die Kombination des Torsos mit einem Abguss des Kopfes zu einem überzeugenden Ergebnis geführt hat[64]. Auch wenn es außer den genannten Statuetten der Aspasia einige gibt, die größer oder kleiner gewesen sind[65], spricht die Größengleichheit von fünf Statuetten dafür, dass auch von diesem Typus Abgüsse eines kleinformatigen Zwischenoriginals kursierten. Es ist ebenso wie bei Typus II davon auszugehen, dass sich das Zwischenoriginal von der Erstfassung ausschließlich durch die Größe unterschieden hat. Die Zeit seiner Entstehung kann nicht bestimmt werden.
19Auch in der Überlieferung des Diomedes[66] lassen sich einige Statuetten nachweisen, die in der Größe übereinstimmen. Drei Torsi im Museo Palatino[67], in Millesgården[68] und in Berlin[69] sowie eine Umdeutung als Hermes aus Minturno[70] sind in der Größe gegenüber dem hochklassischen Original, das eine Höhe von etwa 1,77 m besaß, um etwas weniger als die Hälfte reduziert, ein gewichtiges Argument dafür, dass es sich bei ihnen nicht um individuelle Verkleinerungen, sondern um Repliken eines Zwischenoriginals handelt.
20In der Größe entsprechen einander anscheinend auch die Torsi dreier Statuetten, die zur Überlieferung der Athena Typus Velletri gehören[71]. Man darf annehmen, dass die Bildhauer dieser Statuetten auf ein Zwischenoriginal zurückgreifen konnten, welches mit einer Größe von etwa 70 cm weniger als ein Viertel der Höhe des mehr als 3 m großen Originals erreichte. Ob auf das Zwischenoriginal außer den Torsetti in Broadlands[72], im Konservatorenpalast[73] und in Toulouse[74] auch ein Torsetto in Athen[75] zurückgeht, muss in Ermangelung von Detailmaßen offenbleiben.
21Vielleicht sollte man außerdem auch beim Herakles Typus Boston-Oxford, den drei maßgleiche, knapp 51 cm hohe Repliken überliefern[76], die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass er auf ein Zwischenoriginal zurückgeht, dessen Bildhauer ein lebens- oder (weit) überlebensgroßes Werk des 5. Jhs. v. Chr. in der Größe reduziert hat. In diesem Fall gibt es jedoch bislang keine materielle Grundlage für die Existenz einer großformatigen Erstfassung. Ähnlich verhält es sich mit der Überlieferung eines ca. 73 cm messenden statuarischen Typus des Apollon, der auf einem Original aus der Zeit des Strengen Stils fußt. Hier sind zwei kleinformatige Repliken in der Banca d’Italia in Rom und im Vatikan[77] sowie eine Wiederholung in Reliefform[78] zu greifen, aber eben keine großformatige Fassung.
22Andere Statuetten(-teile), denen Vorbilder klassischer Zeit zugrunde liegen, nehmen in der Überlieferung des jeweiligen statuarischen Typus eine isolierte Position ein. Die nur 29 cm hohe Bronzestatuette des Mars aus Ampelokipi[79], eine Umdeutung des Doryphoros, ist ebenso ein Einzelstück wie der Torsetto des Ares Typus Borghese in der Galleria dei Candelabri[80], ein etwa 10 cm hohes Köpfchen des Diadumenos in Mailand[81] und die Bronzestatuette des Hermes aus Annecy[82]. Das zuletzt genannte Werk kann auch deshalb nicht auf einem kleinformatigen, am polykletischen Hermes orientierten Zwischenoriginal fußen, weil sich seine Frisur von derjenigen der großformatigen Repliken dieses Typus deutlich unterscheidet[83].
23Immerhin denkbar erscheint es mir aber, dass zwei Statuetten(-teile), die auf hochberühmte Werke des 4. Jhs. v. Chr. zurückgehen, Zwischenoriginalen ihren Ursprung verdanken. Die 68 cm hohe Wiederholung des Athleten, der seine Strigilis reinigt (Abb. 11)[84], steht in der Größe, der Form von Plinthenbasis und Stütze sowie vielleicht auch im Marmor der in der Galleria dei Candelabri aufbewahrten Replik des Typus II nahe[85] und ist gegenüber dem Original, das ca. 1,92 m groß gewesen sein muss, ebenfalls um knapp zwei Drittel verkleinert[86]. Die Statuette in Boston zeichnet sich durch höchste handwerkliche Qualität aus, was auch für einen derestaurierten Torsetto in Catania gilt (Abb. 12)[87], der im 18. Jahrhundert als Krieger ergänzt worden war und im damaligen Zustand eine Größe von 69 cm (mit Plinthe) aufwies. Die Wiedergabe der Pubes und die Gestaltung des Bauchbereichs, der die für den statuarischen Typus des Meleager charakteristischen Verschiebungen zeigt, erlauben den Schluss, dass es sich um eine Verkleinerung dieses oft kopierten Typus (Abb. 13) handelt. Die Körper zweier weiterer Verkleinerungen des Meleager haben zu einer deutlich kleineren Statuette[88] bzw. zu einer kleinen Statue gehört[89].
Der Kopf einer weiblichen Statue von der Hand des Polyklet
24In späthellenistischer Zeit ist es Varro bei der Beschäftigung mit der Kunst klassischer Zeit aufgefallen, dass die zwischen einzelnen Skulpturen bestehenden Gemeinsamkeiten bei Polyklet größer sind, als es im Œuvre anderer Bildhauer der Fall ist[90]. Es überrascht daher nicht, dass es zwei Skulpturen des Polyklet gegeben haben dürfte, die im Hinblick auf die Haltung der linken Hand übereingestimmt haben (Typus I und Typus II, s. o.). Auch bei einigen der übrigen Statuen des Polyklet ist in den Fällen, in denen sich von einer Replik nur der Torso erhalten hat, eine sichere typologische Unterscheidung gelegentlich nur dann möglich, wenn Maßangaben vorliegen[91]. Bei flüchtiger Betrachtung sind ferner die Köpfe einiger polykletischer Statuen nicht leicht voneinander zu unterscheiden[92].
25Erst vor wenigen Jahren konnte außerdem ein weiblicher Kopftypus konstituiert werden, der sich dadurch auszeichnet, dass seine Repliken von vorn betrachtet denjenigen des Kopfes der Amazone Typus Sosikles (Abb. 14. 16) fast zum Verwechseln ähnlich sehen[93]. Bei den mir bekannten sechs Repliken des neuen Kopftypus handelt es sich um drei Einsatzköpfe in Herkulaneum (Abb. 15)[94] und in Neapel[95], um Köpfe in Sankt Petersburg (Abb. 17)[96] und in Kopenhagen[97] sowie um eine Herme in der Villa Albani[98].
26Die Forschung hat in den Köpfen Überbleibsel von Amazonen-Statuen vermutet[99]. Der Kopftypus muss jedoch, da mindestens drei der Köpfe zum Einsetzen gearbeitet waren, zu einer Statue gehört haben, deren Oberkörper im Unterschied zu demjenigen der Amazone Typus Sosikles bekleidet gewesen ist. Die Rechtsdrehung des Kopfes spricht dafür, dass sich das Standbein der Figur auf dieser Seite befunden hat[100].
27Die zwischen der Amazone Typus Sosikles und dem neuen Kopftypus bestehenden Gemeinsamkeiten hat Gasparri damit zu erklären versucht, dass letzterer eine römisch-kaiserzeitliche Kontamination unterschiedlicher Vorbilder sei[101]. Diese Annahme lässt sich indes aus mehreren Gründen nicht aufrecht erhalten. Zum einen ist der Kopftypus fast so häufig bezeugt wie die Köpfe der Amazonen von Ephesos, was bei einer Neuschöpfung aus der frühen römischen Kaiserzeit kaum zu erwarten sein dürfte[102]. Zum anderen zeichnen sich späthellenistische und römisch-kaiserzeitliche Kontaminationen gerade nicht dadurch aus, dass ihre Bildhauer Charakteristika unterschiedlicher Köpfe in einem Werk vereint haben, sondern dadurch, dass ihre Hersteller für Kopf und Körper einer Statue auf zwei verschiedene Vorbilder zurückgegriffen haben. Beispiele für dieses durchaus seltene eklektische Verfahren finden sich nicht zuletzt in der Überlieferung polykletischer Werke: Anzuführen sind der Fackelträger aus der Gruppe von San Ildefonso, dem eine verkleinerte Kopfreplik des Doryphoros aufsitzt, sowie zwei Ephebenstatuen in Castel Gandolfo und im Palazzo Barberini in Rom, deren Bildhauer einen Körper bzw. einen Kopf im Typus des sog. Epheben Westmacott mit einem Kopf im Typus des sog. Idolino bzw. mit einem Körper des Knaben Typus Samsun kombiniert haben[103].
28Ob die Amazone Typus Sosikles oder die hier erschlossene, mit ihr in der Größe ungefähr übereinstimmende Statue früher entstanden ist, lässt sich m. E. nicht sagen. Die Abweichungen in der Disposition des Haupthaars sind minimal und kommen vornehmlich in einer divergierenden Gestaltung der Rückseite zum Ausdruck[104]; die Frisur der Amazone ist die komplexere von beiden.
29Wenn die hier vertretene Zuweisung des Kopftypus an den Schöpfer des Originals der Amazone Typus Sosikles, also an Polyklet[105], richtig ist, lässt sich nunmehr – einstweilen nur zum Teil – ein weiteres Werk dieses Bildhauers greifen, das in den literarischen Texten offenbar keine Berücksichtigung gefunden hat und dessen Deutung ungewiss ist. Wegen der nicht geringen Zahl an Repliken ist es jedoch zu erwarten, dass künftig auch vom Körper dieses Typus Kopien ausfindig gemacht werden können.
30Für Polyklet muss die mehrfache Verwendung zumindest von Teilen ein und desselben Tonmodells eine signifikante Arbeitserleichterung bedeutet haben, und man darf davon ausgehen, dass auch andere griechische Bildhauer von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht haben. Insbesondere die legendäre Produktivität Lysipps – Plinius geht auf der Grundlage einer von ihm nicht spezifizierten Quelle davon aus, dass dieser Künstler mehr als 1500 Werke geschaffen habe[106] – erscheint erst dann als plausibel, wenn man annimmt, er habe nicht bei jeder seiner Bronzen ganz von vorn angefangen.
Resümee
31Untersucht man die römisch-kaiserzeitlichen Skulpturen genauer, die auf verlorene Statuen von der Hand des argivischen Bildhauers Polyklet zurückgehen, lässt sich feststellen, dass die Anzahl der zu erschließenden Originale größer ist, als man bislang angenommen hat. Es ist offenbar so, dass sich nicht nur die Frisuren der männlichen Statuen Polyklets sehr ähnlich sehen, sondern dass auch das Grundmuster von Gesicht und Frisur der Amazone Typus Sosikles noch ein weiteres Mal, bei einem thematisch bislang nicht zu bestimmenden Typus, auftaucht. Nicht anders verhält es sich mit bestimmten Standmotiven und natürlich auch mit sonstigen Haltungsmotiven, etwa der an den Rücken gelegten Hand. Dieses Motiv begegnet uns beim sog. Narkissos, einem Werk aus der späten Schaffensphase Polyklets, sowie bei zwei statuarischen Typen (Typus I und II), die mehrfach mit dem Herakles in Verbindung gebracht worden sind, den Plinius als ein Werk des Polyklet anführt (DNO 1227). Da Typus I und II in der Haltung des rechten Arms sowie im Standmotiv nicht übereinstimmen und da die großformatigen Kopfrepliken von Typus II für den Körper von Typus I zu klein sind, können die seit den 1920er Jahren angestellten Rekonstruktionsversuche, in denen beide zu einem Typus vereint sind, nicht richtig sein.
32Als einziges der von Polyklet geschaffenen Werke ist der thematisch nicht fassbare Typus II nicht nur durch vereinzelte, sondern gleich durch neun maßgleiche Verkleinerungen bezeugt (s. Appendix). Da sich zumindest vom Kopf dieses Typus auch großformatige Repliken nachweisen lassen, darf es als sehr wahrscheinlich erachtet werden, dass das kleine Original, das den genannten neun Skulpturen zugrunde liegt, nicht von Polyklet selbst stammt. Zu postulieren ist vielmehr eine etwa 65 cm messende ›Zwischenfassung‹, deren Bildhauer die Größe des polykletischen Werks um knapp zwei Drittel reduziert hat. Vergleichbar kleine ›Zwischenoriginale‹ waren, wie aus dem diesbezüglichen Kapitel hervorgeht, offenbar durchaus selten. Sie lassen sich in der Überlieferung des Diomedes sowie mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in derjenigen der sog. Aspasia und der Athena Typus Velletri nachweisen.
33Appendix: Repliken des Zwischenoriginals von Typus II
A) Statuetten
Nr. 1
Nr. 2
Rom, Museo Barracco Inv. 109[108]; es fehlen die Beine ab Kniehöhe sowie der rechte Arm. Körperhöhe vom Rand der Pubes bis zur Halsgrube 19,5 cm; Kopfhöhe (Kinn bis Scheitel) 8,5 cm.
B) Torsi
Nr. 3
Florenz, Villa Corsini Inv. 13807 (ehemals Museo del Bargello)[109].
Nr. 4
Moskau, Puschkin-Museum[110].
Nr. 5
Rom, Centrale Montemartini Inv. 1874 (magaziniert). Körperhöhe vom Rand der Pubes bis zur Halsgrube 19,5 cm[111].
C) Köpfe
Nr. 6
Kopenhagen, Thorvaldsen-Museum Inv. H 1434[112]. Kopfhöhe (Kinn bis Scheitel) 8,7 cm.
Nr. 7
Paris, Cabinet des Médailles Inv. 57.47, auf nicht zugehörigem Körper[113].
Nr. 8
Privatbesitz, ehemals im Besitz von P. Hartwig und kurz darauf in demjenigen von P. Arndt; anschließend Sammlung Jacobsen[114]. Kopfhöhe (Kinn bis Scheitel) 8,5 cm.
Nr. 9
Vatikanische Museen (Galleria dei Candelabri) Inv. 2433[115], auf nicht zugehörigem Körper.
Abstracts
Zusammenfassung
Überlegungen zum Œuvre Polyklets
Die hier präsentierten Überlegungen nehmen ihren Ausgang von mehr als 50 Skulpturen, die in der Forschung auf zwei verlorene Bronzestatuen von der Hand Polyklets zurückgeführt werden, einen Herakles und eine Amazone. Zur Überlieferung beider statuarischer Typen werden in der Regel auch etliche Stücke gezählt, die sich deutlich von der Hauptüberlieferung unterscheiden. Während bisher versucht wurde, die Abweichungen zu bagatellisieren und sie römisch-kaiserzeitlichen Bildhauern anzulasten, wird hier die Annahme vertreten, dass die genannten Bildwerke nicht auf zwei, sondern auf vier eigenhändigen Werken Polyklets fußen, von denen sich jeweils zwei in bestimmten Punkten sehr ähnlich gewesen sein müssen. So taucht im Œuvre des argivischen Bildhauers ein bestimmtes Haltungsmotiv, die an den Rücken gelegte Hand, anscheinend mehrfach auf, und auch die für die berühmte polykletische Amazone charakteristische Frisur hat noch ein zweites Mal, in nur geringfügig modifizierter Form, für eine Figur ganz anderen Inhalts Verwendung gefunden. Die Unterschiede, die zwischen einem großformatigen, vornehmlich durch Hermen bezeugten Kopftypus und einem kleinformatigen statuarischen Typus bestehen, sind hingegen derartig marginal, dass sie nicht damit erklärt werden können, Polyklet habe zwei Fassungen desselben Sujets, einmal in Lebensgröße und einmal im Statuettenformat, geschaffen. In diesem Fall muss man vielmehr davon ausgehen, dass es – zu einem nicht näher einzugrenzenden Zeitpunkt – zur Kreation einer kleinformatigen ›Zwischenfassung‹ gekommen ist, die ihrerseits abgeformt und häufig kopiert worden ist.
Schlagwörter
Statuen des Herakles, Amazone Typus Sosikles, Kopienproduktion, Verkleinerungen
Abstract
Reflections on the Œuvre of Polykleitos
The reflections presented here draw on more than 50 sculptures that are considered by researchers to derive from two lost bronze statues by the hand of Polykleitos, a Herakles and an Amazon. The corpus of copies and variants of both statue types is generally taken to include a number of pieces that differ distinctly from the principal corpus. While thus far the attempt has been made to play down the deviations and ascribe them to Roman imperial sculptors, here we put forward the conjecture that the mentioned statues derive not from two, but from four works by Polykleitos, with two pairs of individuals which must have been very similar in certain points. For instance, a certain postural motif, the hand laid on the back, seems to occur multiple times in the œuvre of the Argive sculptor; and also the characteristic coiffure of the famous Polykleitan Amazon was used a second time, in only slightly modified form, for a figure with completely different content. The differences that exist between a large-format head type mainly attested in herms and a small-format statue type are, on the other hand, so marginal that the explanation for them cannot be that Polykleitos created two versions of the same subject, one life-sized and the other in statuette format. In this case one must instead assume the creation – at a time that cannot be precisely determined – of a small-format ›intermediate version‹ that was cast and then frequently copied.
Keywords
Statues of Herakles, Amazon of the Sosikles type, copy production, scale reductions

›Typus I‹
›Typus II‹
›Zwischenoriginale‹
Der Kopf einer weiblichen Statue von der Hand des Polyklet
Resümee
Appendix: Repliken des Zwischenoriginals von Typus II
A) Statuetten
B) Torsi
C) Köpfe
Abstracts