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2022-2
Kommission für Alte Geschichte und Epgraphik
Karien, Türkei
Zur Reflexion der ptolemäischen Herrschaft in der karischen Münzprägung
Die Arbeiten des Jahres 2020
Karien in der Dynamik der hellenistischen Machtpolitik
1Noch unter den Hekatomniden, einer der militärisch und politisch bedeutendsten Satrapien Kleinasiens, war Kariens Schicksal im Hellenismus der Machtpolitik der hellenistischen Könige ausgesetzt. So erhielt der ehemalige makedonische Feldherr Asandros nach dem Tod Alexanders des Großen bei der Neuverteilung der Satrapien das westliche Karien. Asandros wurde 311 v. Chr. von Antigonos Monophthalmos vertrieben, woraufhin die Städte Kariens vorläufig für frei erklärt wurden. Um 309 v. Chr. nahm Ptolemaios I. Soter, der seine Herrschaft in Ägypten bereits etabliert hatte, die Städte Kaunos, Myndos und Kos ein; mit der später von ihm besetzten Stadt Iasos bestand zunächst eine Art Allianz. Etwa zeitgleich im ausgehenden 4. Jahrhundert v. Chr. wurde die karische Halbinsel östlich von der knidischen Halbinsel durch Rhodos inkorporiert. Wie im 4. Jahrhundert herrschten auch zu Beginn des 3. Jahrhunderts v. Chr. verschiedene makedonische Machthaber über Teile Kariens. Als Ptolemaios II. an die Macht kam, profitierte er vom Machtwechsel der Seleukiden und der Rebellion in ihrem Reich, so dass er das Herrschaftsgebiet der Ptolemäer entlang der karischen Küste, einschließlich der vorgelagerten Inseln, maßgeblich erweitern konnte. Nach 281 v. Chr. (Schlacht bei Kurupedion) herrschten die Seleukiden über das Hinterland Kariens, während die Ptolemäer ihre Macht entlang der Küste und auf den vorgelagerten Inseln Kariens weiterhin ausübten, teilweise mit Inlandsbesetzungen im Westen. Ab der Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. verschoben sich die Machtverhältnisse erneut, so dass nicht nur Rhodos sein Territorium in Karien ausweitete, sondern auch die Antigoniden wieder ihre Macht etablierten. Rhodos erreichte in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. den Höhepunkt seiner Machtentfaltung und beendete mit den damit einhergehenden territorialen Erweiterungen auf dem Festland die Präsenz der Ptolemäer in Karien endgültig.
2Die epigraphischen und literarischen Quellen wurden zur Herrschaft der Ptolemäer in Karien und zum Verhältnis zwischen Stadt und König bereits aufgearbeitet. Die numismatischen Quellen sind bisher primär daraufhin untersucht worden, ob in Karien königliche Münzstätten der Ptolemäer eingerichtet worden sind und wie der Umlauf der ptolemäischen Münzen im Südwesten Kleinasiens war. Der Frage, ob trotz fehlender Nachweise für königliche Münzstätten der Kontakt zu den Ptolemäern sich dennoch in der städtischen Münzprägung niederschlug, wurde hingegen nicht systematisch nachgegangen. Das Projekt »Zur Reflexion der ptolemäischen Herrschaft in der karischen Münzprägung« verfolgte deshalb das Ziel, den Einfluss der ptolemäischen Herrschaft auf die städtische Münzprägung zu untersuchen und hierdurch die Auswirkungen der ptolemäischen Präsenz in den sieben Städten Iasos, Mylasa, Halikarnassos, Knidos, Kaunos, Kos und Kalymnos aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Münzen werden hierbei als Medium verstanden, das über die gewählten Münzbilder Einblicke in die Kommunikation der Stadt mit dem Herrscherhaus gewährt. Da städtische Münzen bis zum Hellenismus primär zur Kommunikation der Polisidentität eingesetzt wurden und kaum andere politisch motivierte Botschaften enthielten, wäre ein hiervon abweichender Befund eine besonders wichtige Erkenntnis. Die Materialgrundlage wurde aus numismatischen Onlinedatenbanken und Publikationen herangezogen und tabellarisch erfasst.
Zur ptolemäischen Münzprägung und ihrem Einfluss in Karien
Ptolemäische Münzprägung
3Zu den Besonderheiten der ptolemäischen Münzprägung gehören die Reformen des Währungssystems, die bereits unter Ptolemaios I. vorgenommen worden sind: Geprägt wurde zunächst im attischen Standard, entsprechend den Prägungen Alexanders des Großen. Nach etwa zehn Jahren wurde das Gewicht der Tetradrachme von 17,2 auf 15,7 g und später, wahrscheinlich nach 306 v. Chr. (Schlacht von Salamis), nochmal auf 14,25 g reduziert. Mit der Reduktion des Gewichts der Tetradrachme um 3 g entsprach die ptolemäische Prägung bis zu ihrem Ende dem phönikischen Standard. Bronzemünzen wurden in fünf unterschiedlichen Gewichten geprägt: 24 g, 16 g (Diobol), 8 g (Obol), 4 g (Hemiobol) und 2 g. Auch Ptolemaios II. nahm Veränderungen und Ergänzungen im Währungssystem vor: Dekadrachmen mit 35,5 g und Doppel-Dekadrachmen wurden zusätzlich zu den Tetradrachmen eingeführt. Hinzu kamen schwere Bronzen mit bis zu 96 g. Auch in der Goldprägung kam es zu Reformen, die allerdings für dieses Projekt nicht relevant sind, da in Karien im 3. Jahrhundert v. Chr. keine Goldmünzen ausgegeben wurden.
4Bei den Münzbildern nahm Ptolemaios I. Veränderungen bzw. Ergänzungen vor – zunächst, ohne mit der Bildtradition der Alexander-Münzen gänzlich zu brechen. So ergänzte er das Porträt Alexanders des Großen auf Gold- und Silbermünzen ab 319 v. Chr. um den Elefantenskalp als Attribut und ab 311 v. Chr. in den Silberemissionen um das Bild der Athena Promachos. Ab 298/5 v. Chr.wurde das Porträt des Ptolemaios I. Soter auf dem Avers der Gold- und Silbermünzen zusammen mit dem Titel ΠΤΟΛΕΜΑΙΟY ΒΑΣΙΛΕΩΣ eingeführt sowie auf dem Revers der Goldstatere die Elefantenquadriga und der Adler auf einem geflügelten Blitzbündel auf den Silberemissionen (Abb. 1a. b). Unter seinen Nachfolgern folgten weitere Neuerungen und Veränderungen: Unter Ptolemaios II. das Porträt der Arsinoe II., das Doppelfüllhorn, die Doppelbüste von Ptolemaios II. und Arsinoe II., Arsinoe II. mit der Doppelbüste von Ptolemaios I. und Berenike I. auf der Rückseite sowie das postume Porträt des Ptolemaios I.; unter Ptolemaios III. sein eigenes Porträt und das seiner Frau Berenike II. sowie ein einfaches Füllhorn; unter Ptolemaios IV. die Doppelbüste von Sarapis und Isis sowie die Büste von Ptolemaios III. mit Strahlendiadem und das Füllhorn mit Strahlenkranz. Bis auf das Porträt des jeweiligen Königs und seiner Frau wurden in den Edelmetallen kaum Bilder ergänzt, sondern man schöpfte aus dem vorhandenen Repertoire. Der Adler und die Porträts der Ptolemäer gehörten bis zum Ende des 1. Jahrhunderts zu den wichtigsten Motiven der ptolemäischen Münzprägung (Abb. 2a. b).
5In der Bronzeprägung wurde zunächst das Porträt des Alexander mit dem Adler verwendet. Die größeren Bronzen zeigen Zeus, ab Ptolemaios II. auch Zeus Ammon. Der Adler ist auch bei den Bronzemünzen das am häufigsten eingesetzte Reversbild. Unter Ptolemaios V. erscheinen auch die Bildkopplungen »Herakles und Adler«, »Personifikation von Alexandria mit Elefantenskalp und Adler« sowie »weibliche Büste mit Korkenzieherlocken (Synkretismus Demeter und Isis) und Adler«. Die Porträts der Könige finden in der Bronzeprägung in der Regel keine Verwendung.
Städtische Münzprägung im hellenistischen Karien
6Im Hellenismus lassen sich vom 3. bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. derzeit 36 karische Städte verzeichnen, die Münzen ausgegeben haben. Während im 3. Jahrhundert v. Chr. für 14 Städte Münzemissionen nachweisbar sind, können im 2. Jahrhundert v. Chr. für 32 Städte Prägeaktivitäten nachgewiesen werden. Von den Städten, die im 3. Jahrhundert v. Chr. nachweislich mit Ägypten in Kontakt standen oder in das Herrschaftsgebiet der Ptolemäer fielen bzw. in ihre Verwaltungsstrukturen eingebunden waren, prägten Iasos, Mylasa, Knidos, Halikarnassos, Kaunos, Kalmynos und Kos städtische Münzen. Die Städte Amyzon, Euromos und Myndos hingegen gaben erstmals im 2. Jahrhundert v. Chr. Münzen aus. Nur Euromos hatte eine kurze Prägephase im ausgehenden 5. und beginnenden 4. Jahrhundert v. Chr. Für die hier verfolgte Fragestellung wurde die Münzprägung daraufhin untersucht, ob sich ikonographische und metrologische Aspekte aus der ägyptischen Münzprägung in den Münzemissionen dieser karischen Städte wiederfinden lassen. Das Fundmaterial wird im Folgenden nach der geographischen Lage von Westen nach Osten und vom Festland zu den Inseln hin besprochen.
7Auf Silber- und Bronzemünzen aus Iasos wurden im gesamten 3. Jahrhundert v. Chr. Apollon auf dem Avers und ein einen Delphin reitender Jüngling auf dem Revers geprägt, die schon aus vorgehenden Prägungen bekannt sind. Ab der Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. wurde auf dem Avers der Silbermünzen auch Apollon gemeinsam mit Artemis geprägt. Die Silbermünzen wurden im persischen Standard ausgegeben. Die Bronzemünzen zeigen eine große Bandbreite an Gewichten von 1 bis zu 10 g und könnten teilweise dem ptolemäischen Dichalkon und Obol entsprechen.
8Die Bronzeprägung im Mylasa des ersten Viertels des 3. Jahrhunderts v. Chr. weist den Namen des Dynasten Eupolemos auf. Möglicherweise wurden auch die posthumen Alexander-Drachmen sowie die posthumen Philipp II.-Statere unter seiner Herrschaft ausgegeben. Von der Mitte bis zum Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. wurden die Bilder der karischen Götter Zeus Labraundos und Zeus Osogoa auf rhodische Di- und Tetradrachmen geprägt. Die Bronzeprägung setzte erst wieder im ausgehenden 3. Jahrhundert v. Chr. ein und wurde bis in das 1. Jahrhundert v. Chr. mit den Attributen und attributiven Tieren der beiden Götter Zeus Labraundos und Zeus Osogoa ausgegeben. Zu dieser Zeit gehörte Mylasa jedoch nicht mehr zum Einflussgebiet der Ptolemäer.
9Mit dem Ende der Herrschaft der Hekatomniden endete auch die Münzprägung von Halikarnassos, die erst um ca. 220 v. Chr. wieder aufgenommen wurde: Geprägt wurden die bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. bekannte Bildkopplung »Apollon und Lyra« sowie die neuen Bildkopplungen »Apollon/Helios und Athena« und »Athena und Eule« bis in die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. im attischen Standard in unterschiedlichen Nominalen.
10Auf Silberprägungen aus Knidos wurden im 3. Jahrhundert v. Chr. erstmals weitere Münzbilder zu den bis dahin gängigen Bildern Löwe und Aphrodite ausgegeben: In der ersten Jahrhunderthälfte finden sich zusätzlich ein Stier, Artemis und Nike und in der zweiten die Abbildung des Helios. Die Silberprägung endete in der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. Geprägt wurde im chiotisch-rhodischen, attischen und persischen Standard. Mit dem beginnenden 3. Jahrhundert v. Chr. wurde in den Bronzeausgaben die auf das 4. Jahrhundert v. Chr. zurückgehende Bildkopplung »Aphrodite und Schiffsbug« geprägt. Ein Stierkopf, eine betürmte Stadtgöttin und eine Löwenprotome wurden als Münzbilder ergänzt. Die Bronzemünzen wiegen zwischen 1 und 2 g und zeigen keine signifikante Veränderung zum Gewicht der Bronzemünzen aus dem vorigen Jahrhundert.
11Die Silberprägung von Kaunos, die keinem bestimmten Standard zugewiesen werden kann, zeigt im 3. Jahrhundert v. Chr. auf dem Avers den Kopf eines jungen Mannes mit Diadem und ein einfaches Füllhorn auf dem Revers. Auf dem Avers der Bronzemünzen wurde entweder ein männlicher Kopf mit Diadem oder Athenas Kopf mit den Reversbildern des einfachen oder doppelten Füllhorns geprägt (Abb. 3a. b. 4a. b). Sie wurden in Chalkoi und Dichalkoi sowie in 3 bis 5 g schweren Bronzemünzen ausgegeben, die möglicherweise dem ptolemäischen Hemiobol entsprechen. Sowohl das einfache als auch das doppelte Füllhorn haben Vorbilder in der ptolemäischen Münzprägung: Das Doppelfüllhorn wurde in Ägypten mit dem Porträt von Arsinoe II. Philadelphos ab 270 v. Chr. geprägt (Abb. 5a. b) und das einfache Füllhorn mit dem Bild von Berenike II. ab 246 v. Chr. (Abb. 6a. b). In Kaunos wurde es hingegen mit Athena und dem jungen männlichen Kopf verwendet, der in der Forschung mit Basileus Kaunios, dem wichtigsten lokalen Gott, identifiziert wird. Die Quellen, darunter auch Papyri aus dem Archiv des ptolemäischen Verwalters Zenon (Mitte des 3. Jhs. v. Chr.) in Alexandria, zeugen von einem intensiven Kontakt zwischen Ägypten und Kaunos, enthalten aber keine eindeutigen Informationen über das Herrschaftsverhältnis. Ein Altar für Arsinoe II. Philadelphos, ein Kult, der als θεὰ φιλάδελφος bezeichnet wird und ein nach ihrem Tod in Kaunos errichteter Tempel dokumentieren eine besondere Verehrung dieser Königin in der Stadt (I. Kaunos 54).
12Kos gab im 3. Jahrhundert v. Chr. Silbermünzen mit den Bildern des bärtigen und jugendlichen Herakles auf der Vorderseite und der Krabbe auf der Rückseite im chiotisch-rhodischen Standard aus. Münzen mit dem Bild des Asklepios kamen erst um ca. 201 v. Chr. im persischen Standard vor. Auch für die Bronzeausgaben wurden diese Bilder verwendet und um die Abbildungen »Köcher mit Bogen« und »Helios in Dreiviertelansicht« ergänzt. Neben Chalkoi (und evtl. Dichalkoi), also durchschnittlich 1 oder 2 g schweren Stücken, wurden auch in Kos Bronzemünzen von durchschnittlich 4 g geprägt, was einem ptolemäischen Hemiobol entspricht.
13Auf Kalymnos wurde lediglich im 3. Jahrhundert v. Chr. in Bronze und Silber geprägt. Verwendet wurde die Bildkopplung »behelmter männlicher Kopf« für die Vorderseite und »Kithara« für die Rückseite. Die Silbermünzen wurden in Didrachmen, Drachmen und Hemidrachmen im rhodischen Standard ausgegeben. Die Bronzemünzen wiegen zwischen 1,4 und 7,5 g.
Weitere karische Prägungen nach ptolemäischen Vorbildern
14Von Bildern, die aus der ptolemäischen Münzprägung bekannt sind, finden sich in Karien der bärtige Zeuskopf mit Binde und lockigem Haar in elf Städten (Tab. 1), der Adler mit gespreizten Flügeln auf einem Blitzbündel in vier Städten, Athena Promachos in zwei Städten und das geflügelte Blitzbündel in einer Stadt. In Karien wurden indes auch Bilder geprägt, die zwar dem ägyptischen Kulturraum zuzuweisen sind, die jedoch nicht auf ptolemäischen Münzen vorkommen: So finden sich karische Prägungen mit der Isiskrone aus Halikarnassos, Myndos und aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. in Antiocheia am Mäander. Die Abbildung der Büste des Sarapis ohne Isis liegt als Prägung allein aus Myndos vor. In den jeweiligen Städten sind die genannten Bilder erstmals im Hellenismus nachzuweisen.
15Das Abbild des bärtigen Zeuskopfes kann ikonographisch allgemein auf den Kult des Gottes hinweisen. In Keramos prägte man jedoch bereits ab der Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. die Bronzemünzen mit der Bildkopplung »Zeus und Adler«. Die Zugehörigkeit von Keramos zum rhodischen oder ptolemäischen Einflussgebiet im 3. Jahrhundert v. Chr. ist noch ungeklärt. Diese Bildkopplung, die aus der ptolemäischen Münzprägung bekannt ist, und das Gewicht der schwereren Bronzemünzen von 5 bis 8 g machen es wahrscheinlich, dass die Stadt das ptolemäische Gewichtssystem und die ptolemäische Ikonographie zum Vorbild hatte und somit in Kontakt mit Ägypten stand oder zum ägyptischen Herrschaftsbereich gehörte. Ein ikonographisches Detail der karischen Emissionen aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. ließe sich als weiterer Hinweis für die Zugehörigkeit von Keramos zum ägyptischen Herrschaftsbereich in dieser Zeit lesen: Der Adler im Reversbild dieser Emissionen steht auf einem länglichen Gegenstand (Abb. 7a. b). Der Erhaltungszustand dieser Münzen erschweren zwar eine zweifelsfreie Identifikation, doch könnte es sich bei dem fraglichen Element auf dem Reversbild um ein solches Blitzbündel handeln, das auf den ptolemäischen Münzen zu finden ist. Im 2. Jahrhundert v. Chr., als Keramos in das rhodische Herrschaftsgebiet fällt, findet sich das fragliche Element bei den Adler-Münzbildern in Keramos nicht mehr.
16Die Untersuchungen legen auch den Interpretationsvorschlag nahe, im karischen Münzbild des Zeus den Hauptgott der Chrysaorischen Liga, den Zeus Chrysaoreus, zu erkennen. Die Chrysaorische Liga war der wichtigste karische Bund während des Hellenismus und Keramos ein ranghohes Mitglied. Keramos könnte somit die erste karische Stadt sein, die ihre Zugehörigkeit zu einem karischen Bund mit der Abbildung ihres Hauptgottes auf einer Münze kommunizierte.
Ergebnisse
17Die metrologischen und ikonographischen Untersuchungen der städtischen Münzprägung im 3. Jahrhundert v. Chr. haben gezeigt, dass die ptolemäische Herrschaft bei den betreffenden Emissionen durchaus Spuren hinterlassen hat. Ein wichtiges metrologisches Ergebnis der Untersuchung besteht darin, dass diejenigen karischen Städte, die während der Herrschaft der Ptolemäer nachweislich mit den Ptolemäern in Kontakt standen, den ptolemäischen Münzstandard für die Silberprägung nicht übernahmen. Die Städte verwendeten den persischen (drei Städte), attischen (drei Städte), chiotisch-rhodischen (zwei Städte) und in zwei Fällen den rhodischen Standard. Letzterer wurde erst im 3. Jahrhundert v. Chr. eingeführt und lässt sich daher im Zusammenhang mit der zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutung von Rhodos und dem daraus resultierenden Einfluss auf die städtische Münzpolitik vor dem Hintergrund des außenpolitischen Machtzuwachses verstehen.
18Der ptolemäische Einfluss scheint sich viel mehr in der Bronzeprägung niedergeschlagen zu haben. Während im 4. Jahrhundert v. Chr. in ganz Karien nur Chalkoi und Dichalkoi ausgegeben wurden, prägten die besprochenen Städte 3 bis 5 g sowie 7 bis 10 g schwere Bronzemünzen, die dem ptolemäischen Hemiobol und Obol entsprechen. Dies könnte als Einfluss des ptolemäischen Geldsystems betrachtet werden, denn bei den ptolemäischen Münzen, die in Karien im Umlauf waren, handelt es sich nach derzeitigem Kenntnisstand ausschließlich um Bronzemünzen des Ptolemaios I. und II. in unterschiedlichen Gewichtsnominalen. Sechs ptolemäische Bronzeobole entsprechen einer Drachme. Somit könnten die schweren Bronzemünzen die Silberprägung ergänzt/ersetzt haben und etwa für das Bezahlen von Soldaten oder Steuern verwendet worden sein.
19Die Untersuchung der Münzikonographie ergab eindeutige Ergebnisse. Die Städte führten im 3. Jahrhundert v. Chr. teilweise neue Münzbilder ein, die thematisch Bezug auf die Stadt oder die Region nehmen. Nur in Kaunos war es möglich, die Übernahme der ptolemäischen Münzbilder »Füllhorn« und »Doppelfüllhorn« festzustellen. Diese beiden Münzbilder wurden ausschließlich als Reversbild verwendet. Die Münzen von Kaunos waren somit eine Kombination aus kaunischen und ptolemäischen Bildern. In Anbetracht des verhältnismäßig intensiven Kontaktes zu Ägypten können die ptolemäischen Münzbilder als eine Art Loyalitätsausdruck interpretiert werden. Das Füllhorn gehört in das Münzbildrepertoire der ptolemäischen Königinnen. Die Vergöttlichung und die verschiedenen Weihungen für Arsinoe II. Philadelphos in Kaunos zeigen, dass die Stadt Kaunos ihre Loyalität zum ptolemäischen Herrscherhaus über die Königin kommunizierte. Die Münzen wurden offensichtlich als ein weiteres Medium eingesetzt, um die Botschaft der Treue und der möglichen Zughörigkeit in das ptolemäische Herrschaftsgebiet zu vermitteln.
20In den übrigen besprochenen Städten Kariens konnten keine ptolemäischen Münzbilder im 3. Jahrhundert v. Chr. festgestellt werden. Eine Ausnahme kann Keramos darstellen. Womöglich können die Bildkopplung »Zeuskopf und Adler« (auf Blitzbündel) zusammen mit dem Gewichtsstandard der Bronzemünzen, das einem ptolemäischen Obol entspricht, als erster Nachweis für den ptolemäischen Einfluss in die Münzprägung der Stadt interpretiert werden.
21Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse, dass die Münzprägung in den aufgearbeiteten karischen Städten des 3. Jahrhunderts v. Chr., bis auf die Ausnahmen Kaunos und möglicherweise Keramos, nicht dafür eingesetzt wurde, um Nähe und Loyalität zum ptolemäischen Herrscherhaus über dieses Medium zu kommunizieren. An Vorlagen dafür wird es nicht gemangelt haben, da ptolemäische Münzen auch in Karien im Umlauf waren. Ein Grund liegt womöglich in der Wahrnehmung der Münze als städtisches Zahlungsmittel, das primär für die jeweilige Stadt produziert wurde und deshalb vornehmlich lokale Themen abbildete.
Ausblick
22Eine Frage, die im Rahmen des Projektes künftig verfolgt werden sollte, betrifft die umfassendere numismatische Debatte darüber, ob und ggf. wie und wodurch die Münzprägung der Städte von ihrem Status als autonome Polis abhängig war. Die bisherigen Untersuchungsergebnisse bestätigen bisher zwar keine starre Abhängigkeit zwischen Status und Münzprägung in Karien, für fundierte Aussagen zu diesem Themenkomplex müssten jedoch die heranziehbaren Inschriften in Bezug auf den Status der jeweiligen Stadt konkretisiert und diskutiert werden.
23Aufschlussreich wäre darüber hinaus eine Untersuchung der Münzbilder des 2. Jahrhunderts v. Chr. Damit könnten die Beziehungen zwischen Karien und Ägypten nach dem Ende der ptolemäischen Herrschaft differenzierter beleuchtet werden. In dieser Zeit wurden nämlich die Isiskrone in der Bronzeprägung von Halikarnassos und »Sarapis und Isikrone« in Myndos geprägt. Hierfür müssten auch archäologische Quellen herangezogen werden.
Förderung
DAI Forschungsstipendium 2020, AEK.
Leitung des Projektes
H. Vidin.
Abstracts
Abstract
Carian, Turkey. Questioning ptolemaic influence on Carian civic coinage. Season 2020
Hülya Vidin
Beside other Hellenistic hegemonies the Ptolemies ruled over Caria from the end of the 4th until the late 3rd century BC. The Carian domain of the Ptolemies extended from the islands opposite the Carian mainland along the Carian coast and to some cities in the Western inland. The seven cities of Iasos, Mylasa, Halikarnassos, Knidos, Kaunos, Kos and Kalymnos in the Ptolemaic sphere of influence minted coins during their rule in the 3rd century BC. As part of a three-month research project, the coins of these cities were examined to determine whether Ptolemaic coinage had an influence on Carian civic coinage from an iconographic and metrological perspective and whether the cities used the coins as a medium to communicate their loyalty to the Ptolemaic royal house.
Karien in der Dynamik der hellenistischen Machtpolitik
Zur ptolemäischen Münzprägung und ihrem Einfluss in Karien
Ptolemäische Münzprägung
Städtische Münzprägung im hellenistischen Karien
Weitere karische Prägungen nach ptolemäischen Vorbildern
Ergebnisse
Ausblick
Förderung
Leitung des Projektes
Abstracts
2022-2