Abteilung Istanbul
Istanbul, Türkei
Reliquientranslationen und die Konstruktion einer christlichen Sakraltopographie für Konstantinopel vom 4. bis zum 7. Jahrhundert
Die Arbeiten der Jahre 2020 und 2021
Die Entstehung eines Reliquienhortes
1Konstantinopel, die Hauptstadt des oströmischen Reiches, war im Mittelalter ein Anzugspunkt für Pilger, Diplomaten und Reisende jeglicher Art. Der Ruf der Stadt als eines der wichtigsten christlichen Zentren des Mittelmeerraumes basierte u. a. auf ihrer außergewöhnlichen Sammlung an Reliquien: Die prunkvollen Kirchen Konstantinopels beherbergten Teile des Kreuzes Christi, Gebeine zahlreicher Märtyrer und Heiliger und alttestamentarische Objekte wie den Stab des Moses. Doch der Status Konstantinopels als veritabler Reliquienhort war der Stadt keinesfalls von Beginn an gegeben, sondern vielmehr das Produkt einer konzertierten Anstrengung, die lokale christliche Sakraltopographie aufzuwerten, welche in der Spätantike ihren Anfang nahm.
2Als Kaiser Konstantin seine eponyme Stadt im Jahr 330 n. Chr. an der Stelle der griechischen Siedlung Byzantion gründete, war der Ort zumindest aus christlicher Sicht ein nahezu unbeschriebenes Blatt. Während sich andere Städte im Mittelmeerraum lokaler christlicher Traditionen rühmten – sei es, dass ein Apostel höchstpersönlich die Gemeinde besucht oder dass der Ort in den Jahrhunderten der Christenverfolgung bedeutende Märtyrer hervorgebracht hatte – war die Vergangenheit von Konstantinopels Vorgängerort Byzantion eine vorwiegend pagane. Die einzigen lokalen Märtyrer, Mokios und Akakios, konnten mit dem christlichen Prestige des alten Roms, Wirkungsstätte und Begräbnisort von Petrus und Paulus, kaum mithalten. Um die neue Hauptstadt am Bosporus unter den Vorzeichen der fortschreitenden Christianisierung – nicht zuletzt der Christianisierung der römischen Monarchie – konkurrenzfähig zu machen, galt es, dieses Defizit auszugleichen: Dem Mangel an lokaler Tradition wurde durch die Überführung von Reliquien aus dem gesamten Mittelmeerraum, vor allem aber aus dem Heiligen Land, Syrien und Kleinasien, begegnet. Diese Überführungen sowie die Ankunft der Reliquien in Konstantinopel gestalteten sich als öffentliche Akte, angeführt von der weltlichen und geistlichen Elite und begleitet von der städtischen Bevölkerung, die das als heilig erachtete Objekt mit großem Enthusiasmus empfing. Nach ihrer Ankunft in Konstantinopel wurden die Reliquien in einer der Kirchen zur Ruhe gelegt, die bald den urbanen wie suburbanen Raum der Hauptstadt zierten. Auf dem einstmalig unbeschriebenen Blatt entstand somit eine dichte Landkarte: eine von translozierten Reliquien strukturierte, christliche Sakraltopographie [1].
3Das Projekt, das als Teil eines Auslandsstipendiums am DAI Istanbul bearbeitet wurde, untersucht Reliquientranslationen nach Konstantinopel nicht als isoliertes Ereignis, sondern als sozio-religiöse Praxis, die Auskunft darüber gibt, wie die Stadt in der Spätantike von einer kaiserlichen Residenz zum christlichen Zentrum des östlichen Mittelmeerraumes aufstieg. Folgende Fragen stehen im Zentrum der Arbeit: Welche Akteure initiierten und vollzogen die Translation von Reliquien, sowohl an ihrem Herkunftsort als auch am Bestimmungsort Konstantinopel? Welche sozialen Netzwerke kann man basierend auf Reliquientranslationen rekonstruieren? Wie lassen sich die Objekte fassen, die als heilige Reliquien verstanden und transloziert wurden? Wie wurden sie in den bestehenden urbanen und suburbanen Raum integriert und welche Auswirkungen zeigte diese Integration auf die sakrale Topographie der Hauptstadt? Mit welchen architektonischen Lösungen wurden die translozierten Reliquien in Konstantinopel gefasst und inwiefern beeinflussten diese Lösungen die Entwicklung der hauptstädtischen Sakralarchitektur? Wie wurde der eigentliche Akt, die Translation und Integration der Reliquie, vollzogen und im städtischen Raum kommemoriert?
Innerstädtische Reliquientranslationen
4Während der Laufzeit des Stipendiums wurde besonderes Augenmerk auf die Vernetzung von intra- und extraurbanen (Sakral-)Räumen durch Reliquien gelegt [2]. Die grundlegende Beobachtung bestand darin, dass Reliquien nach ihrer Ankunft in Konstantinopel keineswegs statisch waren, sondern weiterhin innerhalb des erweiterten Stadtraumes bewegt wurden. Die Hagia Sophia, die im Stadtzentrum gelegene Hauptkirche Konstantinopels, fungierte in diesem Zusammenhang als temporärer Aufbewahrungsort für die heiligen Objekte, bevor diese schließlich in andere Kirchen überführt wurden. Als Beispiel für eine derartige Praxis dient die Translation der Überreste des Propheten Samuel, die im Jahr 406 n. Chr. von Jerusalem aus nach Konstantinopel gelangten. Der Kaiser Arkadios persönlich brachte die Reliquie von Chalkedon auf der asiatischen Seite des Bosporus in die Innenstadt und legte sie in der Hagia Sophia nieder. Fünf Jahre später wurden die Gebeine dann abermals überführt – in eine neu gebaute Samuelskirche auf dem Hebdomon. Das Hebdomon war ein extraurbanes Viertel, sieben Meilen außerhalb des Stadtzentrums an der Via Egnatia gelegen, welches neben einem Truppensammelplatz auch mehrere Kirchen und einen kaiserlichen Palast umfasste. Von der Samuelskirche selbst sind keine archäologischen Überreste mehr nachweisbar; sie muss sich allerdings in der Nähe der von Theodosius I. (reg. 379–395) erbauten Kirche des Johannes des Täufers befunden haben (Abb. 1). Auf dem Hebdomon zeugt ein elaboriertes, teilweise erhaltenes Wasserversorgungssystem davon, in welch hohem Maße in der Spätantike in die Infrastruktur dieses Bereiches investiert wurde (Abb. 2).
5Die Translation der Samuelreliquien als eines von mehreren Beispielen verdeutlicht, wie im frühen 5. Jahrhundert explizite Bemühungen dahingehend unternommen wurden, die Sakraltopographie Konstantinopels über die Stadtmauern hinweg auszudehnen. Derartige Überführungen, oft vom Kaiser persönlich initiiert und durchgeführt, knüpften ein Band zwischen dem Stadtzentrum und dem weiterhin militärisch konnotierten Umland. Das Hebdomon, an der Hauptzugangsstraße Konstantinopels gelegen, gab als Flaggschiff-Vorort mit mehreren bedeutsamen Kirchen einen Vorgeschmack dessen, was innerhalb der Stadt zu erwarten war. Zu einem Zeitpunkt, als die oströmischen Kaiser dauerhaft in Konstantinopel residierten und die Stadt ihren Status als zweite Hauptstadt des Imperium Romanum untermauern musste, dienten Reliquien dazu, das christliche Netzwerk Konstantinopels zu stärken.
6Die stadtinterne Translation von Reliquien konnte jedoch auch in die entgegengesetzte Richtung – von der Peripherie ins Zentrum – verlaufen. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist das Gewand der Jungfrau Maria, welches – ursprünglich aus dem Heiligen Land nach Konstantinopel transloziert – seit dem 5. Jahrhundert in der Blachernenkirche aufbewahrt wurde. Die Blachernenkirche lag direkt außerhalb des nördlichen Endes der Theodosianischen Stadtmauer, nahe des Goldenen Hornes (Abb. 3). Ähnlich wie das Hebdomon hatte auch dieses Viertel in der Spätantike konstant kaiserliche Förderung erfahren; die Kirche, die heute nur als wesentlich kleinerer Neubau des 19. Jahrhunderts erhalten ist (Abb. 4), stand in enger räumlicher Verbindung zu einem kaiserlichen Palast, der sich auf der Anhöhe südlich der Kirche verorten lässt (Abb. 5). Im Jahr 623 fielen avarische Kontingente in Thrakien ein und verwüsteten das Umland Konstantinopels. Angesichts dessen wurde das Blachernenviertel, das sich den Angriffen schutzlos ausgeliefert sah, evakuiert; die Marienreliquie wurde aus ihrem dreischaligen Reliquiar entfernt, in die Hagia Sophia verbracht und dort aufbewahrt, bis die akute Gefahr vorüber war. Wenige Monate später wurde die Bevölkerung Konstantinopels Zeuge davon, wie der Patriarch Sergios die Reliquie enthüllte, um ihren unversehrten Zustand zu bestätigen, bevor er sie an ihren angestammten Ort, die Blachernenkirche, zurückbrachte.
7Die Bewegung und Enthüllung der Marienreliquie innerhalb der Stadt hatte den Effekt, ihre Wirkmächtigkeit erneut vor der versammelten Öffentlichkeit zu verifizieren und das Blachernenviertel als Sakralort im liminalen Raum an der Stadtmauer zu stärken. Drei Jahre später, 626, als sich Konstantinopel einer Doppelbelagerung von Avaren und Persern ausgesetzt sah, wurde die Blachernenkirche zum ideellen Bollwerk gegen die feindliche Attacke. Nachdem die Belagerung hatte abgewandt werden können, war man sich in Konstantinopel einig, dass nichts anderes als das Eingreifen der Jungfrau Maria – von ihrem Heiligtum in Blachernae aus, vergegenwärtigt durch die Reliquie – den römischen Sieg bedingt hatte. Spätestens mit diesem Ereignis verfestigte sich der Glaube an Maria als Schutzpatronin Konstantinopels, welcher sich auch angesichts weiterer Belagerungen in den kommenden Jahrhunderten als äußerst wirkmächtig erweisen sollte.
Fazit und Ausblick
8Stadtinterne Reliquientranslationen unterstrichen die Authentizität einer Reliquie und aktivierten ihre Wirkmächtigkeit durch öffentliche Zurschaustellung. Die Überführung gab die Möglichkeit, das heilige Objekt für die versammelte Gemeinde erfahrbar zu machen, bevor es in der Zielkirche in einen kostbaren Schrein eingefasst und damit dem direkten Zugriff der Gläubigen entzogen wurde. Die Hagia Sophia, der Heiligen Weisheit Gottes gewidmet und selbst nicht auf Reliquien basierend, diente in der Sakraltopographie Konstantinopels als eine Art Verteilstation, die das Prestige der Hauptkirche auf weniger zentrale Kirchenstiftungen übertrug. Derartige Translationen stärkten liminale Räume und festigten die Bindung zwischen Stadt und Hinterland.
9Längerfristig hat das Projekt zu Reliquientranslationen nach Konstantinopel das Ziel, die Intersektion zwischen Religion, sozio-politischen Hierarchien und Topographie aufzuzeigen. Anhand einer Datenbank, welche die nachweisbaren Translationen versammelt, wird dieses Phänomen ganzheitlich aufgearbeitet und davon ausgehend der richtungweisende Charakter der Spätantike für die Stadtentwicklung aufgezeigt. Die Überführung von Reliquien nach Konstantinopel und ihre Integration in den Stadtraum soll anhand von digitalen Karten visualisiert werden.
Förderung
DAI Auslandsstipendium (Abteilung Istanbul).
Leitung des Projektes
N. Viermann.
Abstracts
Abstract
Istanbul, Turkey. Relics in Translation: Constructing a Sacred Topography for Constantinople, 4th–7th Century. Season 2020 and 2021
When the emperor Constantine founded Constantinople in 330 CE, the city did not have much to offer in Christian terms compared to other urban centres in the Mediterranean. To balance out this deficit, relics from various places were brought to Constantinople, forming the foundation for the city’s fast-growing sacred topography. The project aims at a holistic analysis of this phenomenon by looking at who translated the relics, what objects were translated, how these translations affected urban space, and how they were performed. The research fellowship 2020/1 was dedicated to investigating intra-urban translations and how these impacted the connection between city centre and hinterland.
Keywords
Frühbyzantinisch, Kaiser, Kirche, Reliquien, Stadtmauern

Die Entstehung eines Reliquienhortes
Innerstädtische Reliquientranslationen
Fazit und Ausblick
Förderung
Leitung des Projektes
Abstracts