Typesetting
2022-2
Abteilung Rom
Selinunt, Italien
Forschungen in Selinunt, Teil 2
Die Arbeiten der Jahre 2020 und 2021
1Die Planungen der Forschungsvorhaben des DAI Rom und damit verbundener Forschungsvorhaben der Universitäten Bonn, Bochum, Palermo in Selinunts sehen vor, zu einem vertieften Verständnis der Stadtentwicklung vom 7. bis zum 3. Jahrhundert v. Chr. bis hin zu Spätantike und Mittelalter auf der Grundlage gezielter archäologischer, geophysikalischer und geoarchäologischer Prospektionen, die u. a. durch archäobiologische Untersuchungen flankiert werden, beizutragen [1].
2Kurz vor dem Abschluss stehen die Forschungen von Sophie Helas zum sakralen Raum auf der Agora, gefördert durch die Gerda Henkel Stiftung von 2017 bis 2020 [2] sowie weitere Forschungsstipendien des DAI [3]. (O. Dally)
3Im Herbst 2019 konnte der 2018 entdeckte Bothros I ausgegraben und dokumentiert werden. Er lieferte neue Daten zur Verehrung der Vorfahren im 5. Jahrhundert v. Chr. [4]. Während der dritten Ausgrabungskampagne fehlte allerdings die Zeit, um den 2019 neu entdeckten Bothros II mit der gebotenen Sorgfalt auszunehmen (Abb. 1). Mit den Mitteln des DAI Rom wurde schließlich im September 2021 – verzögert durch die COVID-19-Pandemie – im Rahmen einer kurzen Aufarbeitungskampagne ebendieser ausgegraben. Die dabei erlangten Erkenntnisse bestätigen die Vermutung, dass sich beide Gruben gleichen und daher auf ähnliche Vorgänge in der Antike zurückzuführen sind.
4Im Herbst 2021 wurde die Auswertung der Füllung des Bothros I abgeschlossen. Alessia D'Antonio analysierte die Metallfunde und konnte beobachten, dass die Objekte entweder stark fragmentiert und damit unbestimmbar waren oder aber zur Klasse der Werkzeuge/Instrumente gehörten. Auffällig sind einige wenige bronzene Nadeln, die auch im Bothros II auftauchen und deren Funktion und Bedeutung sich uns noch nicht erschlossen haben. Die Datierung der Verfüllung der Grube I, die Linda Adorno anhand der Keramik in die letzten Jahre vor der Zerstörung von 409 v. Chr. verortet hatte, hat sich durch die Bestimmung und Datierung der beiden Fundmünzen auf das Beste bestätigt. Die silberne Litra aus der Füllung der Grube (SL 46516, Abb. 2a. b) datiert nach Suzanne Frey-Kupper in die Jahre 409/8 v. Chr., während die Fundmünze aus einer Schicht oberhalb der Bothrosfüllung, ein Tetras aus Gela (SL 45762, Abb. 3a. b), in den Jahren zwischen 420 und 405 v. Chr. geprägt wurde. Daher ist die Annahme naheliegend, dass wir mit Bothros I eine der letzten Kultgruben vor uns haben, die kurz vor der Zerstörung Selinunts im Jahr 409 v. Chr. angelegt wurde. Aus stratigraphischen Gründen wird Bothros II, für den keine Fundmünzen vorliegen, wenige Jahre zuvor in den Felsen eingegraben worden sein.
5Während der 2021 erfolgten Ausgrabung des zweiten Bothros zeigte sich, dass beide Gruben eng vergleichbar sind. Die Form der Gruben mit fast senkrechten Wänden und die Matrix der Verfüllung (vornehmlich feiner Sand und Felsbröckchen), aber auch die Fundkomposition sind sich in beiden Fällen sehr ähnlich. Auch in Grube II liegen die Keramikfragmente in kleinen Scherben vor und es dominieren die lokalen Gefäße. Ebenfalls haben wir in Bothros II die Tierknochen in kleinen und kleinsten Fragmenten und in einer großen Quantität angetroffen. Ähnlichkeiten sind auch bei den vertretenen Tierarten, dem Skelettspektrum, der Taphonomie und dem Schlachtalter festzustellen. Im Unterschied zu Bothros I wurden in Bothros II aber sehr viele Fragmente figürlicher Terrakotten geborgen. Am Boden des Bothros II fanden sich zudem Schädelfragmente von Rindern. Alle Funde werden noch abschließend studiert [5].
6Bereits die Zusammensetzung der Fundobjekte und deren ungewöhnliche Erhaltung in Bothros I sprach gegen eine alltägliche Abfallgrube, sondern für eine außergewöhnliche Kultgrube. Die spezifische Zurichtung der Funde in kleinen Fragmenten ließ darauf schließen, dass die Objekte zusätzlich manipuliert wurden, bevor sie in die Grube gelangten. Wesentlich für die Einschätzung der Handlungen, die sich durch die Beobachtungen am Befund und die Auswertung der Fundgruppen erschließen lassen, ist nun die Tatsache, dass sich beide Gruben in ihrer Morphologie und in ihren Verfüllungen stark ähneln. Wir gehen daher von einer Wiederholung der Vorgänge aus, die zu dieser Befundgenese geführt haben. Eine Repetition der Handlungen ist für die Interpretation als kultischer, ritueller Vorgang von entscheidender Bedeutung.
7Die Objekte besitzen zweifellos eine komplexe Biographie, die sich nur zum Teil rekonstruieren lässt. Mindestens zwei Phasen lassen sich bereits trennen: A. Eine primäre Verwendung während des Festes und B. eine sekundäre Verwendung im Anschluss an das Fest.
8Wir gehen aufgrund des spezifischen Skelettspektrums der Tiere davon aus, dass sie während eines religiösen Festes geopfert wurden. In diese Richtung weisen die Analysen von Debora Brunner [6], die die Statistik für Bothros I abgeschlossen hat und die Knochenfunde des Bothros II auswerten wird. Diese Fundkomplexe werden Gegenstand einer Abschlussarbeit sein, so dass hier nur kurz die wichtigsten Ergebnisse angerissen werden können. Es handelt sich in der Mehrzahl der bestimmbaren Knochen um ausgewachsene Schweine und Rinder. Im Sklelettspektrum dominieren die Kopffragmente, insbesondere die Kiefer (Abb. 4), die absichtlich zerteilt wurden. In der Füllung des Bothros I sind mindestens 57 Individuen vertreten. Bestimmte Teile des Skelettes fehlen regelmäßig, so dass die Annahme naheliegt, dass manche Fleischpartien nicht auf der Agora selbst verspeist, sondern an die Kultteilnehmenden verteilt worden sind oder aber auf dem Altar verbrannt wurden. Die geborgenen Knochen aus den Gruben werden als Reste eines Festmahls interpretiert. Die kleinen Schalen könnten als Essgeschirr, für Libationen oder zur Präsentation von Opfergaben genutzt worden sein, während die Tonfiguren vermutlich Weihgeschenke darstellten.
9Im Anschluss an ihre primäre Nutzung im Festzusammenhang wurden die Objekte absichtlich zerstört und zerkleinert, um sie vollkommen unbrauchbar zu machen. Die kleinen Schalen wurden in Scherben geschlagen und die Knochen der geopferten Tiere ebenfalls in Splitter und kleine Fragmente verwandelt [7]. Auch die Figuren aus Terrakotta liegen in kleinen Fragmenten vor und einzelne Exemplare passen an antikem Bruch an (Abb. 5). Wo und wie diese Fragmentierung der Materialien vorgenommen wurde, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir können allein konstatieren, dass die Keramikscherben, Knochensplitter und die Bruchstücke der Terrakotta-Figurinen in Felsgruben eingefüllt wurden, die offenbar für diesen Zweck in den felsigen Boden gegraben worden sind. Die scharfkantigen Brüche an den Objekten sprechen dafür, dass diese sehr bald nach der Fragmentierung in die Gruben gelangten.
10Die genauen Beobachtungen der Schnittleiterin Petra Fleischer erlauben es, einzelne Abschnitte des Verfüllvorgangs zu trennen. Offenbar wechseln sich Schichten, in denen größere Knochenfragmente annähernd horizontal abgelegt wurden, mit Schichten ab, die vor allem feine Knochensplitter führten. Denkbar ist, dass man größere Fragmente händisch aufsammelte und in die Grube ablegte, während man die kleinen Bruchstücke zusammenkehrte und schichtweise in den Bothros einbrachte.
11Wir sprechen die Verfüllung als ›heiligen Abfall‹/›sacred rubbish‹ an, da wir vermuten, dass es sich um die Reste eines gemeinschaftlich abgehaltenen, großen Opferfestes handelt, die hier absichtlich und sorgfältig deponiert wurden. Die Fragmentierung der Objekte halten wir für eine absichtliche Handlung, um die im sakralen Kontext eingesetzten Objekte endgültig zu opfern: Sie konnten auf diese Weise nie mehr in ihrer primären Funktion benutzt werden. Dieses rituelle Zerstören und anschließende Begraben im felsigen Untergrund sind auch auf interpretativer Ebene gut mit dem hier vermuteten sepulkral-sakralen Kult zu verbinden.
12Im laufenden Jahr 2022 soll die Fundbearbeitung (Archäobotanik, Keramik, Archäozoologie und Terrakotten) abgeschlossen und die Publikation vorbereitet werden. (S. Helas)
13Ebenfalls trotz der COVID-19-Pandemie konnten die Forschungen im Osthafen von Selinunt weitergeführt werden. Ziel des Projektes der Ruhr-Universität Bochum in Zusammenarbeit mit dem Parco Archeologico di Selinunte e Cave di Cusa sowie der Universität Bonn ist es, anknüpfend an die Grabungen der Universität Bonn im Kerameikos unter Martin Brentz und Jon Albers die Lage des Hafens genauer zu bestimmen, dessen urbanistische Anbindung sowie darüber hinaus seine Funktion als Knotenpunkt für die lokale, regionale und überregional-mediterrane Einbindung Selinunts genauer zu klären. (O. Dally)
14Die Arbeiten in den Jahren 2020 und 2021 haben zahlreiche Ergebnisse erbracht und konnten die ersten Beobachtungen von 2019 deutlich erweitern. Der Osthafen von Selinunt, dessen Lage bisher nur hypothetisch zu bestimmen war, lässt sich nun mit Sicherheit im südlichen Teil des Gorgo Cotonetals nachweisen. Dies geht zunächst aus den Ergebnissen der geomorphologisch-sedimentologischen Untersuchungen hervor, in deren Zuge marines Sediment im gesamten Tal nachgewiesen wurde [8]. Besonders im Bereich der Ränder lassen sich das Ausdünnen der marinen Schichten und der Übergang zum pleistozänen Boden feststellen. Die archäologischen Grabungen haben diese Identifikation bestätigt, wobei der exakte Übergang noch nicht in allen Bereichen zweifelsfrei festgestellt wurde. Dafür lassen sich jedoch Architekturen mit einem klaren Hafenbezug erkennen. Obgleich weder eine Kaimauer noch die in der älteren Literatur thematisierten »muri paralleli« bisher identifiziert wurden [9], ist eine Hafenrandbebauung nachgewiesen und lässt sich funktional unterscheiden. Während 2019 die Arbeiten mit Schnitt 2 auf den Osten und Schnitt 1 auf den Norden konzentriert waren, wurde 2020 und 2021 einerseits Schnitt 1 erweitert und andererseits mit Schnitt 3 ein weiterer Schnitt im Westen der Hafenzone geöffnet (Abb. 6).
15Letzterer setzt sich aus zwei getrennten Bereichen zusammen: Schnitt 3 West und Schnitt 3 Ost. Gerade der östliche Schnitt belegt die Existenz der ehemaligen Hafenbucht in Ergänzung zu den geomorphologisch-sedimentologischen Prospektionen auch archäologisch. Auf die Humusschicht folgt eine dünne, gräuliche Übergangsschicht, sodann eine dichte, vermutlich alluviale oder fluviale Schwemmschicht mit wenig Fundmaterial, unter der ich bei 0,70 bis 0,80 müNN der antike Meeresboden befindet. Die archäologischen Grabungen stützen also die Ergebnisse der bodenkundlichen Untersuchung.
16Schnitt 3 West zeigt hingegen ein völlig anderes Ambiente (Abb. 7). Während in seinem Westen Reste der archaischen Stadtmauer mit dem markanten, stark verstürzten Emplekton freigelegt wurden, geht dieses in eine relativ massive Schuttschicht über, die sich hier wohl nach der Katastrophe von 409 v. Chr. abgelagert hat, wie die Ergebnisse der Untersuchungen an anderen Teilen der Stadtmauer nahelegen [10]. Unter deren Resten fand sich der Stadtmauer vorgelagert – unmittelbar unter dem Humus – eine Abfolge aus regelmäßigen Streifen, die als Negativabdruck zu verstehen sind. Die Regelmäßigkeit und Form der Abdrücke lässt zumindest vermuten, dass hier Rundhölzer in den harten, braunen Lehm gesetzt wurden. Diese fallen in Richtung der antiken Meeresbucht leicht ab und liegen in etwa parallel zur antiken Küstenlinie.
17Die Anlage ist klar als Abdruck einer Rampe aus dicht gelagerten Holzbalken zu deuten, die sicherlich aufgrund der Position für Schiffe bestimmt war und in ihrem östlichen Abschnitt vermutlich in das Wasser reichte. Es ließ sich eine Länge dieser Rampe von 18 m sicher beobachten. Dass dieser Bereich schon länger in ähnlicher Art und Weise genutzt wurde, legen die Ergebnisse aus zwei kleinen Sondagen nahe. Unter einer Verfüllung zur Erhöhung des Geländes fanden sich Segmente von sandig durchsetzten Stampflehmböden mit äußerst hoher Kompaktheit. Auch diese verfügten über Abdrücke und Aussparungen (Abb. 8) in einem weiteren Streifenmuster mit ähnlicher, aber leicht abweichender Ausrichtung. Insgesamt kann das Areal im Südwesten des Hafens somit funktional eindeutig mit Schiffen in Verbindung gebracht werden. Ob es sich hier jedoch um einen Schiffshauskomplex, eine offene Rampenanlage für mehrere Schiffe oder eine Werft handelt, kann derzeit noch nicht entschieden werden. Schiffshäuser sind in verschiedenen Teilen der antiken griechischen Welt in ganz unterschiedlicher Gestalt nachgewiesen [11], für den Vergleich mit einer offenen Anlage bietet sich ein Befund aus Massalia an. Hier konnte neben den Schiffshäusern eine Zone mit offenen Holzrampen auf ca. 150 m Länge aus dem 3./2. Jahrhundert v. Chr. ergraben werden [12]. Die Identifikation einer archaischen bzw. klassischen Werft ist nach den Einwänden zu einem Befund in Thurioi [13] in den westgriechischen Gebieten bislang noch nicht gelungen. Für den Selinuntiner Komplex kommt also entweder ein militärischer Zweck oder eine Funktion als Werkstatt für die Schiffe in Frage. Eine Feindatierung ist noch nicht möglich. In den Zerstörungsschichten an der Stadtmauer fand sich Material des späten 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr., was deren Deutung als Schuttschicht nach 409 v. Chr. bestätigt. Das weitere Fundmaterial ist vorwiegend in das 5. Jahrhundert v. Chr. zu datieren.
18Schnitt 1 wurde schon 2019 zunächst in nord-südlichem Verlauf geöffnet [14]. 2020 erfolgte eine umfangreiche Erweiterung nach Osten (Abb. 9). 2021 wurden dann weitere Bereiche im Norden und Westen freigelegt. Der Zustand der Befunde ist von unterschiedlicher Qualität. Viele Reste der Architektur sind massiv verrissen und gestört, was nicht allein mit der nachantiken agrarischen Nutzung zu verbinden, sondern auch auf antike Eingriffe zurückzuführen ist.
19Zunächst konnte hier der Dammweg identifiziert werden, dessen Existenz bereits von Dieter Mertens erkannt wurde [15]. Er besitzt eine Breite von ca. 5,50 m und folgt einem relativ einheitlichen Aufbau. Die Außenseiten wurden aus mächtigen Steinblöcken gesetzt. Den Innenbereich verfüllte man mit massiven Schichten. Im Gegensatz zu dem von Mertens publizierten Befund wurden die Innenseiten der Blockreihen noch zusätzlich mit Bruchsteinsetzungen verstärkt. Während die Blöcke im Osten einlagig gesetzt waren, ist im Westen eine zweite, tiefere Blocklage vorhanden. Dies dürfte mit einer antiken Senke zu erklären sein oder auf eine bewusste Verstärkung in der Nähe des Flusses hindeuten. Der Laufhorizont konnte in großen Bereichen nicht identifiziert werden, da hier bereits die Humusschicht einbindet. Allerdings ist der östliche Bereich vollständig mit Platten und kleinen Steinen gepflastert und zeigt noch die Spuren der Karren (Abb. 10). Mit dieser Maßnahme wurde hier eine Kreuzung verstärkt – ein Phänomen, das auch an anderen Orten in Selinunt zu beobachten ist. Von der Kreuzung führen zwei Wege nach Norden in das Cotonetal und nach Süden in die Hafenzone. Während der nördliche Weg nicht weiter untersucht wurde, ist der südliche Weg deutlich einfach gestaltet. In mehreren Schichten besteht er aus einer sehr kompakten Schotterung aus kleinen Steinchen, Keramikbruch und Lehm. Er schließt an der Kreuzung bündig mit den Begrenzungssteinen des Dammwegs ab und fällt dann leicht nach Süden ab.
20Dem Dammweg sind auf der Hafenseite zwei Mauerzüge mit leicht abweichendem Verlauf vorgelagert, die bei Anlage der Straße nach Süden jedoch in spätarchaischer/frühklassischer Zeit abgerissen und partiell ausgeraubt wurden. Diese verfügen über eine völlig ungewöhnliche Breite von 1,40 m bis 1,80 m. Ihre Unterkante endet ca. 1 m über der Höhe der marinen Sedimente, weshalb es sich nicht um eine Kaimauer oder einen Deich handeln kann. Die extreme Breite des aufgehenden Mauerwerks lässt sich wohl nur mit der Lage in unmittelbarer Nähe zu Meer und Fluss erklären. Die Mauern wurden ohne Fundamentgraben direkt auf den gewachsenen Lehmboden gesetzt. Die Bruchsteinmauern sind mittlerweile auf einer west-östlichen Länge von ca. 25 m gesichert, im östlichen Teil setzen sie sich in anderer Technik fort. Statt breiten Bruchsteinmauern folgten hier großformatige Steinblöcke mit einer darauf noch teilweise erhaltenen Lehmmauer (Abb. 11). Eine Lehmmauer ist dementsprechend auch für die restliche Struktur anzunehmen. Dieses Segment ist stark verrissen und lässt sich mindestens 9 bis 10 m weiter nach Osten verfolgen, so dass die Monumentalstruktur bislang auf knapp 35 m Länge bei rund 6,20 m Breite zu rekonstruieren ist.
21Funde, die eine konkrete Funktion belegen, konnten nicht in situ gefunden werden. Aufgrund der Bauform dürfte es sich architektonisch um eine Halle gehandelt haben. In Hafenkontexten sind vor allem Stoai in späterer Zeit nachgewiesen, so etwa erstmals am Piräus im 5. Jahrhundert v. Chr. [16] oder in Milet ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. [17]. Einen extrem langen Komplex mit geringer Innenraumbreite kennt man auch von der Agora in Kamarina, wo sich ein Lagerhaus von 66,50 m Länge bei 6,50 m Gesamtbreite an der Westseite des Platzes erhalten hat [18] und auch die Hallen an der Selinuntiner Agora sind mit 5 bis 6 m Breite ähnlich schmal gehalten [19]. Warum man den Komplex abgerissen hat, ist noch unklar.
22Eng mit Dammweg und Halle verbunden ist eine weitere Infrastrukturmaßnahme. Im Westen der Grabung fand sich eine Leitung aus Tonrohren, die Wasser vom Osthügel in das Tal transportierte. Die Leitung besteht aus einfachen Rohren, bei denen bislang weder Löcher noch Muffen zu beobachten sind. Sie mündet in ein längliches, steinernes Becken (Abb. 12). Dies ist in Analogie zu vergleichbaren Konstruktionen archaischer Zeit in Athen und Samos als ein Umlenkbecken bzw. ein Wasserverteiler zu deuten [20]. Während der weitere Verlauf nach Süden in die Hafenzone durch eine halbrunde Einlassung für Tonrohre gesichert ist, folgt nach Westen eine Rampe aus leicht ansteigenden Blöcken mit Klammerspuren auf der Oberseite. Dies belegt einen Zusammenhang mit einer Tonrohrleitung, die in den Grabungen am kleinen Osttor gefunden wurde [21]. Von einer nicht näher bestimmbaren Stelle am Osthügel aus wurden also sowohl die Hafenzone als auch der Innenstadtbereich mit Wasser versorgt.
23Die Stratigraphie spricht für eine Datierung des Dammwegs in das späte 6. Jahrhundert v. Chr., die Schotterung ist hingegen jünger und dürfte erst in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. entstanden sein. Die Monumentalstruktur muss hingegen noch deutlich älter sein, lässt sich jedoch bislang nur grob archaisch datieren.
24Das Fundmaterial ist im Vergleich zu anderen Zonen innerhalb der Stadtmauer von Selinunt deutlich zerscherbter, teilweise stark versintert und in manchen Bereichen sehr rund geschliffen. Große Teile des Materials sind nicht als in situ zu betrachten, sondern stammen aus Schwemm- und Ablagerungsschichten unterschiedlicher Entstehung, was ihre Aussagekraft bezüglich der Funktionalität der Bereiche erschwert. Es fanden sich jedoch auch zahlreiche Amphorenfragmente, insbesondere in Schnitt 1. Die Amphoren stammen nach Ausweis von Material und Form aus verschiedenen Regionen des antiken Mittelmeerraumes. Neben lokaler und westgriechischer Ware sind vor allem größere Gruppen korinthischer und nordafrikanischer Provenienz erhalten, kleinere Gruppen sind mit Massalia, Chios, Samos und Athen zu verbinden (Abb. 13). Diese Zusammenstellung verstärkt die Beobachtungen von anderen Untersuchungen zu den Handelsverbindungen Selinunts, die anhand des Bronzematerials [22] und der Amphoren der Agora festgestellt wurden. (J. Albers, A. Miß)
25Die im Jahr 2020 im Rahmen des Groundcheck Programms begonnenen geoarchäologischen Untersuchungen zum Osthafen von Selinunt konnten 2021 fortgeführt werden. Während der Feldkampagne vom 7. bis zum 25. Juni wurden im Cotonetal, zwischen Stadt- und Osthügel von Selinunt, weitere Rammkernsondierungen niedergebracht (Abb. 14). Das bestehende Untersuchungsraster nördlich und südlich des Dammwegs wurde ergänzt und bis zur heutigen Küstenlinie hin erweitert (Abb. 15). Erstmals wurden geschlossene Sedimentkerne aus dem Mündungsbereich des Cotone geborgen. Hier ist die Zufahrt zum Osthafen zu vermuten. Aus dem heute strandnahen Bereich konnten die Sedimente bis in 14 m Tiefe erschlossen werden. In den Kernen sind neben den bereits bekannten Lagunenablagerungen erstmals marine Sande enthalten. Diese können als Beleg für einen ehemaligen Strandhaken gedeutet werden, der einst die den Hafen beherbergende Meeresbucht abriegelte. (M. Schlöffel, S. Schneider)
26Nach Abschluss des Agoraprojektes sollen sich die Forschungen in den kommenden Jahren auf die diachronischen Untersuchungen zur Stadtentwicklung sowie der Küstenzone mit den beiden Häfen konzentrieren, ergänzt durch weitere geoarchäologische und naturwissenschaftliche Untersuchungen. (O. Dally)
Kooperationen
Projekt »Agora«: Parco Archeologico di Selinunte, Cave di Cusa e Pantelleria; Universität Bonn, Institut für Archäologie und Kulturanthropologie, Abteilung Klassische Archäologie; Universität Basel, Departement Umweltwissenschaften, Integrative Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie, IPNA, Team Archäozoologie.
Projekt »Osthafen von Selinunt«: Parco Archeologico di Selinunte, Cave di Cusa e Pantelleria;Universität Bonn, Institut für Archäologie und Kulturanthropologie, Abteilung Klassische Archäologie; Universität Bochum, Institut für Archäologische Wissenschaften.
»Groundcheckprojekt Selinunt«: DAI und Deutsche Forschungsgemeinschaft.
Förderung
Projekt »Agora«: Gerda-Henkel-Stiftung.
Projekt »Osthafen von Selinunt«: Deutsche Forschungsgemeinschaft; Ruhr-Universität Bochum.
»Groundcheckprojekt Selinunt«: Deutsche Forschungsgemeinschaft.
Leitung des Projektes
Projekt »Agora«: O. Dally, S. Helas; Projekt »Osthafen von Selinunt«: J. Albers; »Groundcheckprojekt Selinunt«: M. Schlöffel, S. Schneider.
Team
Projekt »Agora«: L. Adorno, D. Brunner, A. D'Antonio, P. Fleischer, S. Frey-Kupper, D. Pirpamer, H. Renners; Projekt »Osthafen von Selinunt«: A. Miß, M. Rimbök, B. Weissová.
Abstracts
Zusammenfassung
Selinunt, Italien. Forschungen in Selinunt, Teil 2. Die Arbeiten der Jahre 2020 und 2021
Ortwin Dally, Jon Albers, Sophie Helas, Axel Miß, Marlen Schlöffel und Steffen Schneider
In den Jahren 20220/21 konnten die Arbeiten in Selinunt trotz der COVID-19-Pandemie fortgesetzt werden. Abgesehen von einem neuen DFG-Projekt zur diachronen Entwicklung der Stadt (s. Jonasch et al. 2022) konnten die Arbeiten zur Gestaltung des sakralen Raumes auf der Agora und im Osthafen von Selinunt vorgeführt werden. Hinzu kamen bohrkerngestützte landschaftsarchäologische Untersuchungen.
Abstract
Selinunt, Italien. Forschungen in Selinunt, Teil 2. Die Arbeiten der Jahre 2020 und 2021
Ortwin Dally, Jon Albers, Sophie Helas, Axel Miß, Marlen Schlöffel and Steffen Schneider
In 20220/21, work at Selinunte could continue despite the pandemic. Apart from a new DFG project on the diachronic development of the city (see Jonasch et al. 2022), work on the design of the sacred space on the agora and in the eastern harbour of Selinunte could be brought forward. In addition, there were drill-cored landscape archaeological investigations.
Kooperationen
Förderung
Leitung des Projektes
Team
Abstracts
2022-2