Abteilung Istanbul
Pergamon, Türkei
Die Altgrabungen auf dem Musalla Mezarlığı in Pergamon
Die Arbeiten des Jahres 2021
1Der Musalla Mezarlığı ist ein in der Unterstadt des antiken Pergamons gelegener, weitläufiger Hügel, der etwa südwestlich in direkter Nachbarschaft des Stadtberges liegt. Dicht besiedelt erhebt er sich noch heute gut sichtbar über das in der Ebene liegende, moderne Bergama und fungiert sowohl in der Ebene als auch aus der erhöhten Perspektive des Stadtberges als markanter Bezugspunkt in der Unterstadt. Eindrucksvoll ist der Blick von der Trajaneumsterrasse auf dem Stadtberg hinab auf den Hügel, der in der Antike von drei römischen, öffentlichen Großbauten umstanden war (Abb. 1). Diese waren das noch heute sichtbare Amphitheater auf der nordwestlichen Seite des Hügels sowie das Theater auf der südöstlichen Seite. Parallel zum Osthang des Hügels lag das Stadion, welches heute vollständig modern überbaut ist und nicht mehr ohne weiteres im Stadtbild Bergamas erkannt werden kann (Abb. 2). Aufgrund der ihn rahmenden, repräsentativen Bebauung war der Musalla Mezarlığı damit einer der wichtigsten Siedlungsschwerpunkte der römischen Unterstadt Pergamons und ein städtebauliches Bindeglied zwischen den hellenistischen Repräsentationsbauten auf dem Stadtberg und der darunterliegenden römischen Unterstadt. Bedingt durch die einzigartige Stellung des Hügels, umgeben von den drei erwähnten Großbauten der römischen Zeit, ist es nicht verwunderlich, dass der Musalla Mezarlığı früh in den Fokus der Ausgräber Pergamons gerückt ist.
2Auf der Suche nach dem aus antiken Quellen bekannten Nikephorion, dem Tempel der siegbringenden Athena, der bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. unter Attalos I. entstanden sein muss, wurde der Musalla Mezarlığı als einer der möglichen Standorte des suburbanen Heiligtums identifiziert. Schon Carl Humann und Alexander Conze argumentierten im frühen 20. Jahrhundert, dass einerseits die unmittelbare Nachbarschaft zum Stadtberg und andererseits die exklusive Hügellage in der Unterstadt für eine repräsentative Bebauung sprächen. Auch die den Hügel umgebenden römischen Großbauten begünstigten die Annahme, dass der Musalla Mezarlığı bereits in hellenistischer Zeit als damals noch extraurbaner Bauplatz genutzt wurde. Dieser Logik folgend wäre die räumliche Bedeutung des Hügels aus hellenistischer Zeit in die römische Epoche Pergamons transferiert worden.
3In Anbetracht dieses enormen wissenschaftlichen Interesses wäre der Musalla Mezarlığı wohl schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt der pergamenischen Forschungsgeschichte ausgegraben worden, wenn er nicht bis 1929 vollständig als Friedhof genutzt worden wäre. Erst nach der Aufgabe als Bestattungsraum und im Anschluss an eine großflächige Abräumung von Gräbern und Bewuchs, konnte der Hügel erstmalig im Jahr 1938 archäologisch untersucht werden.
4In diesem letzten Jahr vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges fungierte der Architekt Harald Hanson als Grabungsleiter in Pergamon und führte demnach auch die Ausgrabungen auf dem Musalla Mezarlığı durch. Sich ganz der Suche nach dem Nikephorion verschreibend und den Zuschreibungen Humanns sowie Conzes folgend glaubte Hanson rechteckige, platzähnliche Strukturen im Geländeprofil des Hügels zu erkennen, die er leicht mit dem erwarteten Heiligtum in Verbindung brachte. Den im Hügelprofil sichtbaren Strukturen folgend legte er um diese herum fünfzehn Suchschnitte oder ›Suchlöcher‹ an, in der Hoffnung, das Nikephorion anzuschneiden. Während jedoch der Fund des Heiligtums ausblieb, fanden sich zahlreiche architektonische Befunde sowie Fundmaterial, das vielmehr zu einer hellenistischen bis römischen Wohnbebauung des Hügels zu passen schien.
5Da in den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg keine systematische Berichterstattung von der Pergamon-Grabung im heutigen Sinne existierte, legte Hanson die Ergebnisse seiner ersten Ausgrabung auf dem Musalla Mezarlığı nie der Öffentlichkeit vor. Es existieren lediglich zwei interne Berichte, in denen vor allem die Architekturbefunde kurz beschrieben werden. Eine weiterführende Interpretation der Befunde im Sinne einer Zusammenführung der über den Hügel verstreuten Suchschnitte ist dabei nicht erfolgt. Insgesamt lässt auch die Grabungsdokumentation von 1938 zu wünschen übrig. In den Archiven des DAI liegen ein Grabungstagebuch sowie die Steinpläne der gefundenen Mauern und Fundamente. Die wenigen Fotos können dabei helfen, die Ergebnisse der Ausgrabung zu visualisieren. Was fehlt, sind Profilzeichnungen der Schnitte und auch eine Beschreibung der Stratigraphie sowie des Fundmaterials, ja der Ausgrabung im Allgemeinen. In den Depots der Pergamon-Grabung liegen einige wenige Schaukästen mit keramischem Fundmaterial der Grabung. Eine Quantifizierung des Fundmaterials wurde jedoch nicht durchgeführt. Das statistische Verhältnis zwischen aufgehobener und weggeworfener Keramik ist unbekannt.
6Der nur ein Jahr nach der Erstuntersuchung ausbrechende Zweite Weltkrieg verhinderte vorerst weitere Ausgrabungen am Musalla Mezarlığı. Erst mit der Wiederaufnahme der Pergamon-Grabung im Jahr 1957 durch den damaligen DAI Präsidenten Erich Boehringer wurden die Arbeiten auf dem Hügel fortgesetzt. Boehringer hatte während einer Vorkampagne im Jahr 1955 ein umfassendes Arbeitsprogramm für die Pergamon-Grabung erstellt und aufbauend auf den Arbeiten der Vorkriegszeit achtundzwanzig Grabungsplätze auf dem Stadtberg und in der Unterstadt bestimmt. Neben weiteren Ausgrabungen im Asklepieion wurde auch die Suche nach dem Nikephorion auf dem Musalla Mezarlığı für die Jahre 1957 und 1958 mit zwei weiteren Ausgrabungen wieder aufgenommen.
7Es soll an dieser Stelle vorweggenommen werden, dass die Pergamon-Grabung unter Boehringer keinen stringenten Forschungsschwerpunkt oder festgelegten Dokumentationsstandard besaß. Die Großgrabung war in mehrere Teilprojekte aufgefächert, die dann beispielweise am Asklepieion oder am Musalla Mezarlığı von örtlichen Grabungsleitern durch-geführt wurden. Der Arbeits- und Dokumentationsstandard sowie die Vorlage der Ergebnisse oblag den lokal arbeitenden Archäologen. Eine enge Absprache und Einflussnahme der übergeordneten Grabungsleitung wird zweifelsfrei stattgefunden haben und auch die Verdienste Boehringers hinsichtlich der Grabungsinfrastruktur und Logistik sind unbestreitbar. Es fällt jedoch auf, dass die Arbeits- und Dokumentationspraktiken der Boehringer-Zeit in Pergamon von sehr unterschiedlicher Qualität sind.
8Die Ausgrabungen auf dem Musalla Mezarlığı der Jahre 1957 und 1958 stellen in dieser Hinsicht keine Ausnahme dar. Die Grabung selbst wurde von dem Bauforscher Wolfgang Müller-Wiener geleitet, dem zumindest für das Jahr 1957 nachweislich der Archäologe Klaus Tuchelt als Fundbearbeiter zur Seite stand. Für das Jahr 1958 ist außerdem die Anwesenheit des Archäologen Jörg Schäfers belegt, der insbesondere in Abwesenheit Müller-Wieners die Grabungsleitung übernahm. War die Ausgrabung von 1938 noch räumlich auf einige ›Suchlöcher‹ oder Sondagen begrenzt, wurden für das Jahr 1957 neue Maßstäbe gesetzt. Mit Hilfe von bis zu 108 Arbeitern und einer eigens erbauten Feldbahn wurden die nördlichen und zentralen Bereiche der Hügelkuppe in nur zwei Monaten systematisch ausgegraben. Zu diesem Zweck wurden insgesamt vier lange, parallel zueinander verlaufende Suchschnitte in nordsüdlicher Richtung über den Hügel gelegt, um möglichst großräumig die Suche nach dem Nikephorion voranzutreiben (Abb. 3). Neben diesen als Längsschnitte über den Hügel ziehenden Gräben wurden vom östlichsten Schnitt ausgehend zwei Querschnitte angelegt, um auch die Ostflanke des Hügels anzuschneiden. Hinzu kamen als Nebenschauplätze ein kleines Felsplateau an der Nordspitze des Hügels sowie ein am nordöstlichen Hang gelegener, antiker Straßenzug, der, so die damalige Vermutung, als Verbindung zwischen Musalla Mezarlığı und Stadtberg gedient haben könnte.
9Trotz dieses immensen Aufwandes wurde das Nikephorion nicht gefunden. Zum Vorschein kamen zahlreiche weitere Belege für die bereits 1938 festgestellte, flächige Bebauung des Musalla Mezarlığı mit Wohnhäusern der hellenistischen bis römischen Zeit. Während die hellenistischen Befunde tiefliegend und aufgrund der späteren Überbauung schwerer zu interpretieren sind, liegen die römischen Hausbefunde teils dicht unter der Oberfläche und belegen eine reiche Ausstattung der Bauten mit Mosaiken, bemaltem Stuck und marmornen Wandvertäfelungen. Stellvertretend für die freigelegten Hausbefunde des Jahres 1957 stehen das sog. Peristylhaus Mitte, das sog. Bodrum und der sog. Saal.
10Das ›Peristylhaus Mitte‹ wurde nach seiner Entdeckung als einer der wenigen Kontexte auf dem Musalla Mezarlığı flächig ausgegraben (Abb. 4). Zu diesem Zweck wurden die das Haus anschneidenden Suchgräben Mitte und West zu einer räumlich begrenzten Flächengrabung ausgeweitet und mehrere Räume des Hauses und ein Teil des Peristyls freigelegt. Besonders eindrucksvoll sind Überreste der reichen Innenausstattung bestehend aus Mosaik- und opus sectile Fußböden sowie die ausgiebiger im Grabungstagebuch beschriebenen Wandverkleidungen aus bemaltem Putz. Erwähnenswert ist auch ein im Bereich des Peristyls entdeckter Brunnen, von dem jedoch nur der Ziegelkern erhalten ist. Aufgrund der dichten Lage des antiken Bodenniveaus unter der Erdoberfläche, sind die Überreste des Hauses durch die lange Nutzung des Musalla Mezarlığı als Friedhof teilweise sehr stark zerstört. Die verbliebenen Überreste belegen jedoch ein weitläufiges, römisches Peristylhaus mit reicher Ausstattung und vermutlich mehreren Bauphasen.
11Ähnlich imposant wirkt der ›Saal‹, welcher im Zuge der Arbeiten am ersten der beiden Querschnitte im östlichen Bereich des Musalla Mezarlığı entdeckt wurde (Abb. 5). Der Boden des Raumes, dessen südlicher Abschluss aufgrund der rund 3 m starken Verfüllung nicht freigelegt wurde, ist mit einem großen Bodenmosaik mit Rhombenmuster dekoriert. In der Verfüllung des Raumes fanden sich zudem Marmorfragmente einer nicht mehr erhaltenen Wandverkleidung. Zwei Treppen und eine nachträglich eingezogene Mauer am nördlichen Ende des Raumes belegen, dass der ›Saal‹ ursprünglich zum Untergeschoss eines römischen Wohnhauses gehört haben muss und darüber hinaus mehr als eine Bauphase besaß. Aufgrund der relativen Nähe des ›Saales‹ zum ›Peristylhaus Mitte‹ erwog Müller-Wiener eine Zugehörigkeit zum ›Peristylhaus Mitte‹. Auch eine Zusammengehörigkeit mit dem räumlich näherliegenden ›Bodrum‹ erscheint denkbar.
12Dieses liegt ebenfalls am Ostanhang des Musalla Mezarlığı und besteht aus zwei quadratischen Räumen, die in ostwestlicher Richtung in den Hang gearbeitet wurden (Abb. 6). Der hinten liegende, westliche der beiden Räume weist dabei in seiner Rückwand eine kleine Nische auf. Im westlichen Raum ist auch der Rest eines Tonnengewölbes erhalten, das ehemals beide Räume überspannt haben muss. Beeindruckend ist ein hochwertiges Bodenmosaik im östlichen Raum des ›Bodrums‹, das im Zentrum eine Szene mit Meerwesen zeigt und aus einer Kombination von Blattrankenfries und symmetrisch angeordneten, figürlichen Motiven gerahmt wird. Wie der ›Saal‹ weist auch das ›Bodrum‹ eine spätere Bauphase auf, die aus einer Zwischenwand mit Tür im östlichen Raum und einem Ofen besteht. Zusammen mit einer oberhalb am Hang liegenden und mit dem ›Bodrum‹ fluchtenden Treppenanlage wird der Komplex als Teil eines römischen Wohnhauses in Hanglage interpretiert. Die Nische in der Rückwand des hinteren Raumes verleitete die Ausgräber zu einer Interpretation als Privatheiligtum oder Kultraum. Der zu einem späteren Zeitpunkt eingebaute Ofen deutet auf eine mögliche Umnutzung des Raumes hin, ohne dass diese derzeit näher datiert werden könnte. Wie bereits erwähnt, könnten der ›Saal‹ und das ›Bodrum‹ zu ein und demselben Gebäude gehört haben.
13Anders als zu der Grabung von 1938 liegt in den Archiven des DAI gutes Dokumentationsmaterial zu den Ausgrabungen von 1957. Das von Müller-Wiener geführte Tagebuch ist umfassend und so detailliert, dass die einzelnen Grabungsschritte und im Feld getroffenen Entscheidungen nachvollziehbar sind. Die einzelnen stratigraphischen Kontexte sind zumindest teilweise beschrieben. Zu den aussagekräftigsten Abschnitten der Suchgräben wurden Profilzeichnungen und von den wichtigsten Baubefunden Steinpläne angefertigt. Außerdem existieren Befundinventare, die es ermöglichen, die durchnummerierten Befunde den einzelnen Grabungsabschnitten und oft auch konkreten Höhenwerten zuzuordnen. Von großer Hilfe sind hierbei insbesondere die Vermessungstagebücher des Grabungsarchitekten. Aus Sicht der Fundbearbeitung liegen Tuchelts Keramikhefte vor, die zwar das gefundene Material der einzelnen Befunde nur oberflächlich beschreiben und datieren, aber keine Quantifizierung oder Detailauswertung vornehmen. Auch der ebenfalls für 1957 vorliegende, interne Abschlussbericht Tuchelts liefert hier keine weiterten Erkenntnisse.
14Während der Ausgrabungen 1958 wurden die im Vorjahr begonnen Arbeiten maßgeblich weitergeführt. Der Arbeitsschwerpunkt verschob sich räumlich von der nördlichen in die südliche Hälfte des Hügelrückens, wobei methodisch derselbe Ansatz mit Suchschnitten oder Gräben gewählt wurde. Für nochmals drei Monate arbeitete eine wie im Vorjahr immense Anzahl an Arbeitern in der Verlängerung des westlichsten der großen Längsschnitte nach Süden hin sowie in zwei langen Querschnitten. Letztere durchpflügten parallel zueinander liegend in ostwestlicher Richtung die gesamte Breite des südlichen Abschlusses des Musalla Mezarlığı. Die Ausgräber hatten möglicherweise bereits die Hoffnung auf eine Entdeckung des Nikephorion aufgegeben und interessierten sich von nun an besonders für die räumliche Einbindung des römischen Theaters im Süden sowie dessen Datierung.
15Auf der südlichen Hälfte des Musalla Mezarlığı kam dabei wiederum eine flächendeckende Bebauung mit Wohnhäusern der hellenistischen bis römischen Zeit zu Tage. Die hellenistischen Befunde sind wie in den nördlichen Abschnitten tiefliegend und im Grundriss schwer interpretierbar, die römischen weitläufig und mit reichen Ausstattungsresten kombiniert, aber aufgrund des für lange Zeit oberhalb liegenden Friedhofes stark zerstört. Zumindest ein großer Wohnhauskomplex im Süden des Musalla Mezarlığı kann jedoch die Befunde des Jahres 1957 entscheidend ergänzen.
16Ähnlich dem ›Peristylhaus Mitte‹ besteht er aus mehreren Räumen, die um einen säulenumstandenen Innenhof oder ein Peristyl angeordnet sind. Die Ausgräber bedauerten den schlechten Erhaltungszustand der gefundenen Raumstrukturen, haben aber anders als im Bereich des ›Peristylhaus Mitte‹ von einer begrenzten Flächengrabung zum besseren Verständnis der Anlage abgesehen. Allein eine im Zentrum des Hofes und zu einer späteren Bauphase des Hauses gehörige Zisterne wurde in der Hoffnung auf reiches Fundmaterial komplett ausgegraben (Abb. 7). Darin fand sich leider nur wenig Keramik, aber viel Material, das zur ehemaligen Ausstattung dieses Hauses und möglicherweise weiterer Häuser auf dem Musalla Mezarlığı gehörte. Darunter sind marmorne Fragmente von Boden- und Wandverkleidungen, Profilstücke der Innenarchitektur, Fragmente glatter Säulen und ein schönes ionisches Kapitell sowie Dachziegel. Besonders erwähnenswert ist jedoch der Fund von vier Statuenfragmenten des Späthellenismus und der Kaiserzeit, die heute im archäologischen Museum von Bergama ausgestellt sind. Auch wenn die architektonischen Befunde des Wohnhauses stark zerstört gefunden wurden, können die Zisternenfunde zumindest ein vorläufiges Bild des ehemaligen Ausstattungsreichtums geben.
17Als zweiter spannender Fundkomplex des Jahres 1958, der allerdings von den bislang vorgestellten Wohnkomplexen abweicht, ist ein Grabtempel mitsamt einiger umliegender Bestattungen zu nennen (Abb. 8). Der Bau kann als Podiumstempel mit viersäuliger Vorhalle angesprochen werden. Die Front war nach Westen orientiert und besaß vermutlich eine sechsstufige Treppe. Nach Aussage der Ausgräber wurden um den Tempel herum einige wenige Bauglieder aus Marmor gefunden, während das Mauerwerk aus Andesit gefertigt war. Das unmittelbare Nebeneinander einer Wohnarchitektur und dem gleichzeitigen Gräberfeld mit Podiumstempel erscheint ungewöhnlich und wirft aus stadtplanerischer und funktionaler Sicht Fragen auf. Zugleich belegt es neben den öffentlichen Großbauten an den Hängen und der Wohnbebauung auf dem Hügel selbst eine weitere Nutzungsebene des Areals.
18Während die Ausgrabungen von 1957 noch gut dokumentiert waren, zeigt sich für das Folgejahr ein etwas anderes Bild. Das von Müller-Wiener geführte Grabungstagebuch ist unvollständig und beinhaltet weder die Ausgrabung des hier vorgestellten Wohnhauses inklusive der Zisterne noch den Podiumstempel und die umliegenden Gräber. Die Ausgrabung zweier wichtigster Fundkontexte auf dem Musalla Mezarlığı ist also nach jetzigem Stand dokumentarisch nicht begleitet worden. Es ist bekannt, dass im Gegensatz zur restlichen Grabung die hier angesprochenen Bereiche des Hügels zumindest teilweise von Jörg Schäfer ausgegraben wurden. Ein möglicherweise zugehöriges Tagebuch konnte jedoch bislang nicht gefunden werden.
19Bezüglich der sonstigen Grabungsdokumentation gibt es aus dem Jahr 1958 weit weniger umfangreiche Profil- und Schnittzeichnungen. Auch detaillierte Steinpläne liegen nur im Einzelfall vor. Eine Ausnahme von dieser Regel bildet allein der Podiumstempel, dessen architektonische Überreste und Umgebung zeichnerisch und fotografisch gut dokumentiert wurden. Wie für das Jahr 1957 stehen immerhin umfangreiche Befundinventare sowie die Keramikhefte der Fundbearbeitung zur Verfügung. Insgesamt ist der Dokumentationsstandard des Jahres 1957 also deutlich höher als für das Jahr 1958. Die Gründe dafür sind zunächst unbekannt, können aber mit einer belegten verfrühten Abreise Müller-Wieners oder dem Ausbleiben des Nikephorions zusammenhängen.
20Mit Abschluss der Grabungskampagne 1958 wurden keine weiteren Ausgrabungen auf dem Musalla Mezarlığı durchgeführt. Es bleibt der Eindruck, dass mit dem Ausbleiben des Nikephorion das Interesse an dem Hügel in der Unterstadt vorerst erlosch. In der Folge wurde der Hügel modern überbaut und steht daher für neue Ausgrabungen nicht mehr zur Verfügung. Die antiken Wohnquartiere und damit zusammenhängende siedlungsgeschichtliche oder urbanistische Fragestellungen standen in den späten 50ern noch nicht im Mittelpunkt des Interesses, sondern rückten erst später ins Zentrum archäologischer Forschungen. Hier sei kurz auf die umfassenden Wohnstadtgrabungen auf dem Stadtberg von Pergamon ab 1972 verwiesen. Trotz allem verwundert es, dass die beeindruckenden Befunde der Ausgrabungen von 1957, 1958 sowie 1938 niemals vollumfänglich publiziert wurden. Boehringer selbst veröffentlichte einen kurzen Vorbericht in »Neue deutsche Ausgrabungen im Mittelmeergebiet und im Vorderen Orient« von 1959. Eine tiefergehende Auswertung der Befunde sowie des keramischen und sonstigen Fundmaterials blieb jedoch aus. Die ca. dreißigminütige Dokumentation »Archäologie im Felde«, die filmisch den Inhalt aus Boehringers Artikel vermittelt, ist eine spannende forschungsgeschichtliche Quelle in eigener Sache, kann aber eine schriftliche Vorlage und Einordnung des Musalla Mezarlığı in die siedlungsgeschichtliche Entwicklung Pergamons nicht ersetzen.
21Aus heutiger Sicht stellen besonders die von den Ausgräbern entdeckten Wohnhauskomplexe und das zugehörige Fundmaterial der hellenistischen bis römischen Zeit aufgrund aktueller Forschungsschwerpunkte der Pergamon-Grabung ein großes Desiderat dar. Als einzige, bislang großflächig nachgewiesene Wohnstrukturen am Rande der römischen Unterstadt und außerhalb der eumenischen Stadtmauer sind die Befunde von unschätzbarem Wert für das Verständnis der sukzessiven Stadterweiterung Pergamons vom Stadtberg in die Ebene hinab. Die disparate Quellenlage der Altgrabungen macht eine Aufarbeitung schwierig, doch können mit der richtigen methodischen Herangehensweise wertvolle Erkenntnisse zur Chronologie und Stellung des Musalla Mezarlığı im städtischen Gesamtorganismus Pergamons gewonnen werden. Schon jetzt belegt das Dokumentationsmaterial eine in hellenistischer Zeit einsetzende Bautätigkeit auf dem Hügel, die in mehreren Phasen bis in die Kaiserzeit fortgeführt wurde und diverse funktionale Bedürfnisse zu bedienen scheint. Im Rahmen der chronologischen und funktionalen Einordnung der Befunde kommt dem keramischen Fundmaterial der oben beschriebenen drei Ausgrabungen eine Schlüsselrolle zu. In den Depots der Pergamon-Grabung findet sich eine Vorauswahl des Fundmaterials der Grabungen von 1938 und besonders 1957 und 1958, wobei über die Aufhebe- und Wegwerfpraxis der entsprechenden Jahre nur wenig bekannt ist. Statistikhefte wurden erst mit Beginn der Stadtgrabungen in den 70ern eingeführt. Unbekannt sind daher die Gesamtmengen der gewonnenen Funde pro Befund und damit im Falle der Keramik auch das Verhältnis zwischen aufgehobenen und weggeworfenen Scherben.
22Dennoch lässt sich das Fundmaterial im Depot meist dem jeweiligen Fundkontext zuweisen, der wiederum über das Archivmaterial näher bestimmt und beschrieben werden kann. Nach einer kurzen Inventur während der diesjährigen Grabungskampagne lässt sich sagen, dass Material aus aussagekräftigen hellenistischen und römischen Fundkontexten aufgehoben wurde und aus chronologischer Sicht den gesamten antiken Besiedlungszeitraum des Hügels abdeckt. Die zugehörigen Lampen- und Terrakottenfragmente sowie die Keramik können im Zusammenspiel mit der archivarischen Grabungsdokumentation für eine siedlungsgeschichtliche Einordnung des Musalla Mezarlığı genutzt werden und zugleich die städtebauliche Entwicklung des Hügels beleuchten.
23Im Rahmen des groß angelegten TransPergMikro-Projektes, das den signifikanten urbanen Wandel Pergamons in der römischen Kaiserzeit und dessen regionale Wechselwirkungen interdisziplinär untersucht, wird derzeit das am Musalla Mezarlığı liegende Amphitheater als eines der Schlüsselmonumente der Transformation der urbanen Ausgestaltung Pergamons in der Kaiserzeit umfassend analysiert. Auch das römische Theater wurde im Rahmen einer Masterarbeit neu bearbeitet. Damit fällt auch der Blick zurück auf die bislang kaum ausgewertete angrenzende Wohnbebauung, die gemeinsam mit den angrenzenden öffentlichen Bauten den siedlungsgeschichtlichen Hintergrund des Areals sowie dessen Transformation in der Kaiserzeit erklären kann. Hier bietet sich also die Gelegenheit, eines der großen Desiderate der Pergamon-Grabung in den Kontext eines aktuellen Forschungsschwerpunktes einzubinden und auf Basis wechselseitiger Synergieeffekte die siedlungsgeschichtlichen Hintergründe und urbanen Transformationsprozesse in einem der repräsentativsten Bereiche der römischen Unterstadt Pergamons aufzuarbeiten. Im Anschluss an das DAI-Forschungsstipendium sollen daher die Befunde und insbesondere das Fundmaterial des Musalla Mezarlığı im Zuge einer Dissertation ausgewertet werden, welche die siedlungsgeschichtliche Stellung des Hügels im pergamenischen Gesamtkontext untersucht.
Förderung
DAI Forschungsstipendium 2020.
Leitung des Projektes
F. Sliwka.
Abstracts
Zusammenfassung
Pergamon, Türkei. Die Altgrabungen auf dem Musalla Mezarlığı in Pergamon. Die Arbeiten des Jahres 2021
Im Rahmen eines sechsmonatigen DAI-Forschungsstipendiums der Abteilung Istanbul wurde das im Pergamonarchiv gelagerte Dokumentationsmaterial der Altgrabungen auf dem Musalla Mezarlığı im antiken Pergamon neu aufgenommen und hinsichtlich seines wissenschaftlichen Aussagewertes untersucht. Aus bereits in die Datenbank iDAI.field eingefügten Datensätzen wurde darüber hinaus der Versuch unternommen einen quantitativen Überblick über das aufgehobene Fundmaterial der Grabungen zu gewinnen. Das Projekt diente der Vorbereitung einer größeren Studie, ggf. eines Dissertationsvorhabens, zur siedlungs- und forschungsgeschichtlichen Einordnung des Musalla Mezarlığı und seines Fundmaterials. Auf Grund der pandemischen Lage wurde das Stipendium aus dem Home-Office wahrgenommen.
Schlagworte
Forschungsgeschichte, Römische Kaiserzeit, Städtebau
Abstract
Pergamon, Turkey. The 20th century excavations on the Musalla Mezarlığı in Pergamon
During a six-month DAI research grant from the Istanbul Department, the documentary material of the old excavations at Musalla Mezarlığı in ancient Pergamon, located in the Pergamon Archives, was newly recorded and examined with regard to its scientific informative value. From records already inserted into the iDAI.field database, an attempt was also made to obtain a quantitative overview of the excavations' excavated find material. The project served as preparation for a larger study possibly a dissertation, on the settlement and research history of the Musalla Mezarlığı and its find material. Due to the global pandemic, the project was worked on from home office.
Förderung
Leitung des Projektes
Abstracts