Abteilung Madrid
Emporion (Empúries – L´Escala), Spanien
Der Architekturdekor von Emporion. Untersuchungen zum Baudekor der griechischen und römischen Stadt
Die Arbeiten der Jahre 2019 bis 2021
Emporion
1Die antike Hafenstadt Emporion (altgr. Eμπόριον (Emporion), lat. Emporiae, cat. Empúries, spa. Ampurias) liegt gut 100 km nördlich von Barcelona am Golf von Rosas in unmittelbarer Nähe ihres modernen Nachfolgeortes L´Escala. Emporion ist für die Iberische Halbinsel und darüber hinaus von großer Wichtigkeit, weil es bereits am Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. als die westlichste der griechischen Kolonien gegründet wird und hier in den folgenden Jahrhunderten ein reger Austausch zwischen der iberischen und der griechischen Kultur stattfindet. Ab dem Zweiten Punischen Krieg (219–202 v. Chr.) ist Emporion zunächst ein Zentrum für die römische Eroberung Iberiens und ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. für die verstärkt einsetzende Romanisierung der Halbinsel.
2Die ersten Griechen ließen sich im zweiten Viertel des 6. Jahrhunderts v. Chr. in einer bereits bestehenden einheimischen Siedlung auf einer kleinen Halbinsel, der sog. Palaiapolis (heute Sant Martí d´Empúries) direkt an der Küste nieder (Abb. 1). Ab dem dritten Viertel des 6. Jahrhunderts v. Chr. wurde – jenseits des südlich anschließenden Naturhafens – die wesentlich größere griechische Neapolis angelegt. Nach der römischen Okkupation entstand im 2. Jahrhundert v. Chr. auf dem nach Westen hin leicht ansteigenden Gelände unmittelbar neben der allmählich aufgegebenen Neapolis das neue und weiträumige Stadtgebiet. Ab der Spätantike verlagerte sich die Besiedlung erneut: Der mittelalterliche Ort erstreckte sich nun über den abfallenden Hang westlich der römischen Stadt und war vom Meer aus nicht mehr sichtbar.
Projekt
3Ziel des Projektes ist eine umfassende Erforschung des gesamten Architekturdekors von Emporion und vor allem eine Einordnung des Materials in die Kulturgeschichte des westlichen Mittelmeerraums in griechischer und römischer Zeit. Die Materialgrundlage für die Untersuchung bilden ornamental und figürlich dekorierte Architekturteile sowie profilierte Schmuckleisten und Wandverkleidungsplatten. Hervorzuheben ist, dass fast alle Architekturglieder aus Grabungen stammen und somit ihr Bauzusammenhang wissenschaftlich dokumentiert ist. Ihre Datierung beruht deshalb nicht allein auf ihrer typologischen und stilistischen Einordnung, sondern wird darüber hinaus durch die Baukontexte abgesichert. Die zu untersuchenden Architekturteile gehören einerseits zu öffentlich-repräsentativen Großbauten (griechische Heiligtümer und Agora, römisches Forum), andererseits zu der reichen Privatarchitektur der Wohnareale. U. a. sind handwerkliche Qualität der Ausarbeitung, Motivvielfalt und Verbreitung innerhalb des urbanen Bereichs von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit für die Rekonstruktion des Stadtbildes und der Stadtgeschichte. Ausstattungsluxus wie z. B. seltene und deshalb teure Materialien lassen Phasen der wirtschaftlichen Blüte bzw. der Stagnation der Stadt erkennen.
4Im Gegensatz zu anderen Stadtgrabungen ist der Umfang des zu bearbeitenden Materials überschaubar, da während des gesamten Mittelalters und der Neuzeit bis weit in das 19. Jahrhundert hinein das nachantik nicht überbaute Stadtgebiet durch seine Lage unmittelbar am Meer die besten Voraussetzung für den Abtransport der Bauquader zur Zweitverwertung bot. Somit besteht die Möglichkeit, den erhaltenen Architekturdekor einer Stadt vollständig zu erfassen und zu analysieren.
5Das Projekt schließt an eine seit 1990 bestehende intensive und auch aktuell fortgesetzte Kooperation des Deutschen Archäologischen Instituts in Madrid mit dem Museu d´Arqueologia de Catalunya-Empúries an. Insbesondere interdisziplinäre Studien zur Küstenforschung sowie auch zur Besiedlungs- und Landesgeschichte des Empordà in vorrömischer Zeit sind die Arbeitsschwerpunkte.
Projektverlauf
6In einer ersten Dokumentationsphase konnte im letzten Quartal 2019 der Großteil der etwa 350 zu untersuchenden Architekturglieder aufgenommen werden. Bei der anschließend durch das DAI Madrid erfolgten Fotokampagne wurden die meisten der im Museum und in den Museumsmagazinen aufbewahrten Exemplare für die anstehende Publikation aufgenommen. Die zweite Dokumentationsphase musste im März 2020 wegen der COVID-19-Pandemie verkürzt und die Fortsetzung der Fotokampagne verschoben werden. Bis zum August 2021 stand nun die Materialauswertung im Vordergrund. Zu Beginn des letzten Quartals 2021 erfolgten der Abschluss der Fotokampagne und eine Überprüfung der Objekte in Emporion.
Spätarchaische Spolien auf der Palaiapolis
7Ein nur in der älteren Literatur besprochenes ionisches Monumentalkapitell und ein wenig beachteter Fries mit Sphingendarstellung wurden bislang sowohl der griechisch-hellenistischen als auch der römisch-kaiserzeitlichen Epoche zugeschrieben. Vergleiche mit spätarchaischen Arbeiten vor allem aus Sizilien erweisen die beiden Stücke aber als eindeutig griechische Werke aus der Zeit um 500 v. Chr. Zu ihnen treten sieben unpublizierte Architekturteile, die aufwendige Ornamente (u. a. Eierstab und Zahnschnitt) tragen. Wie weitere circa 20 einfache, mitunter mit Wolfs- und Stemmlöchern versehene Bauquader sind sie als Spolien in die Fundamente und die aufgehende Nordwand der spätgotischen Kirche von Sant Martí d´Empúries auf der Palaiapolis, dem ältesten Siedlungsareal von Emporion, eingebaut (Abb. 2). Auch das Kapitell und der Fries wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur wenig nördlich der Kirche bei unkontrollierten Grabungen aufgefunden.
8Alle spätarchaischen Dekorteile sind handwerklich und künstlerisch von außergewöhnlicher Qualität. Da sie rein griechisches Formengut aufweisen, aber aus einheimischem Sandstein bestehen, müssen sie von griechischen Steinmetzen vor Ort hergestellt worden sein. Dass diese Stücke in Emporion nicht allein standen, beweist u. a. ein bislang verkannter steinerner Löwenkopfwasserspeier, der in den Beginn des 5. Jahrhunderts datiert und ohne weiteren Fundzusammenhang in der Neapolis von Emporion geborgen wurde.
9Die ›Entdeckung‹ der Spolien sowie die Neubewertung des Kapitells und des Frieses lässt sowohl die Bedeutung der frühen griechischen Kolonie als auch die künstlerische Präsenz der Griechen in Iberien in anderem Licht erscheinen. Insbesondere für die qualitätsvolle (süd)iberische Steinskulptur und Ornamentik des späten 6. und 5. Jahrhunderts v. Chr., für die es bislang noch immer an eindeutig zu benennenden Vorbildern fehlt, dürften die ›Entdeckungen‹ in Emporion von immenser Bedeutung sein. Diese monumentalen Architekturteile sind mit einer rein griechisch geprägten Sakralarchitektur zu verbinden. Dass ihre Ornamente unmittelbar von den Iberern aufgegriffen wurden, beweisen die jüngst in einem katalanisch-französischen Gemeinschaftsprojekt untersuchten Tempelbauten in der Emporion nahegelegenen Ibererstadt Piug de Sant Andreu bei Ullastret.
10Die spätarchaischen Objekte dürften nicht zuletzt aufgrund ihres gemeinsamen Fundorts bzw. Wiederverwendungsorts vom gleichen Baukomplex auf der Palaiapolis stammen. Wahrscheinlich handelt es sich um das Heiligtum der Ephesischen Artemis, das nach den Schriftzeugnissen von Livius und Strabon die ersten griechischen Siedler auf diesem Felshügel gründeten.
11Aufgrund der außerordentlichen Bedeutung dieser unpublizierten Spolien finanzierte das DAI Madrid eine fotogrammetrische Vermessung der Kirchenwand durch das Museu d´Arqueologia de Catalunya-Empúries sowie 3D-Aufnahmen der einzelnen ornamentierten Bauteile durch das Quantitative Lab des Department de Prehìstoria der Universitat Autònoma de Barcelona.
Klassische Antefixe aus der Neapolis
12Steinerne und tönerne Antefixe aus der Mitte bzw. der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. bezeugen, das mit der Siedlungserweiterung in der Neapolis zunächst zumindest ein Heiligtum angelegt bzw. ausgebaut wurde. Die Steinantefixe sind von hoher handwerklicher Qualität und bestehen nicht mehr wie die eben besprochenen spätarchaischen Bauteile aus dem Sandgestein nahegelegener einheimischer Steinbrüche, sondern aus Material, das nördlich der Pyrenäen in dem Raum von Perpignon zu lokalisieren ist.
13Ansonsten erwies sich die Neapolis arm an Bauornamentik. Ein Grund dafür dürfte sein, dass mit der Errichtung der römischen Stadt die öffentlichen Bauten in der Neapolis aufgegeben, deren architektonischen Schmuckteile systematisch abgebaut und in die römische Stadt verbracht wurden, wo sie erneute Verwendung fanden.
Bauteile in der römischen Stadt
14Zu diesen wiederverwendeten Bauteilen gehören ionische Kapitelle (Abb. 3. 4), die 1982 bis 1984 als Oberflächenfunde im Bereich des römischen Forum entdeckt und von den Ausgräbern diesem zugeschrieben wurden. Die aufgrund mangelnder typologischer und stilistischer Vergleichsbeispiele nur schwer zu datierenden Stücke setzte man ins frühe 1. Jahrhundert v. Chr. und begründete allein mit ihrem Zeitansatz eine erste Bauphase des Platzes. Aber Neugrabungen, die das Museu d´Arqueologia de Catalunya-Empúries in den Jahren 2004 bis 2012 für die museale Rekonstruktion des Baukomplexes durchführte, erbrachten den stratigraphischen Nachweis, dass das Forum erst in augusteischer Zeit um die Zeitenwende entstand.
15Das zu beschreibende Projekt hat die Bauteile erneut untersucht und kann zwei ionische Bauordnungen mit unterschiedlicher Zeitstellung und Abweichungen in Material, Maßen und Stilistik belegen. Die Teile der jüngeren Ordnung sind zweifelsfrei mit dem augusteischen Forum zu verbinden (Abb. 4). Die älteren Fragmente (Abb. 3) gehören noch dem 2. Jahrhundert v. Chr. an. Es gibt Hinweis dafür, dass sie von der hellenistischen Agora der Neapolis stammen. Dort abgetragen, verwandte man sie in der römischen Stadt als Spolien für einen Großbau, von dem aber noch jede Spur fehlt.
Weitere Ergebnisse
16Weitere neue Erkenntnisse betreffen u. a. die kannelierten Säulenschäfte der römischen Bauten. Dass Kannelurtäler an Sand- oder Kalkstein- bzw. an Ziegelsäulen mit einer Mörtel/Zementfüllung ausgeschmiert wurden, um eine glatte Oberfläche zu erhalten, lässt sich in der kaiserzeitlichen Architektur des gesamten Mittelmeerraums beobachten. Aber für Emporion ist festzustellen, dass sowohl an den staatlichen Repräsentativbauten als auch an Wohnbauten Kanneluren häufig eine zweite, mitunter sogar eine dritte Kannelurfüllung aus Zement/Mörtel erhielten (Abb. 5). Nach eigener Autopsie lässt sich dieses bislang in der wissenschaftlichen Literatur noch nicht beschriebene Phänomen sowohl in anderen Römerstädten Kataloniens (Barcelona, Badalona und Tarragona) als auch in Südfrankreich (Vaison-la-Romaine) beobachten, ist aber – nach bisherigen Literaturüberprüfungen – noch nicht diskutiert worden und außerhalb der genannten Gebiete wohl auch nicht nachgewiesen. Bei dem erneuten Mörtel/Zementauftrag handelt es sich keinesfalls nur um ein einfaches und dünnschichtiges Verschmieren der Oberfläche, sondern die ursprünglich tiefen Kannelurtäler werden mitunter fast ganz verfüllt, so dass sich der Gesamteindruck der vertikal gegliederten Säulen stark verändert. Da es in Emporion in reichen Wohnhäusern auftritt, die nur zwei bis maximal drei Generationen bewohnt wurden, zeugt es vom schnell wechselnden Dekorgeschmack der überaus prosperierenden mittleren Kaiserzeit.
17Als ein weiteres wichtiges Ergebnis für die römische Kaiserzeit zeichnet sich ab, dass im Gegensatz zu den meisten anderen Städten in den westlichen Provinzen des Reiches keine überregionalen oder gar stadtrömischen Werkstätten in Emporion tätig waren, sondern allein lokale Handwerksbetriebe. Vorbildgebend für die Architektur und ihren ornamentalen Schmuck waren zwar die Metropolen und großen Zentren in Oberitalien sowie in den südgallischen und hispanischen Provinzen; materialtechnisch, handwerklich und stilistisch sind aber die nächsten Parallelen in den zahlreichen Klein- und Mittelstädten Nordhispaniens zu finden.
Kooperationen
Museu d´Arqueologia de Catalunya-Empúries (M. Santos, P. Castanyer, E. Hernández, J. Tremoleda).
Förderung
Fritz Thyssen Stiftung.
Leitung des Projektes
D. Marzoli.
Team
U.-W. Gans.
Abstracts
Zusammenfassung
Emporion (Empúries – L´Escala), Spanien. Der Architekturdekor von Emporion. Untersuchungen zum Baudekor der griechischen und römischen Stadt. Die Arbeiten der Jahre 2019 bis 2021
Die größte griechische Siedlung auf der Iberischen Halbinsel war die Küstenstadt Emporion. Nach dem Zweiten Punischen Krieg wurde sie auch von den Römern besiedelt und bis in die Kaiserzeit kontinuierlich ausgebaut. Von beiden Kulturen blieben bedeutende Zeugnisse der Monumental- und der Wohnbauten erhalten. Das Projekt »EMPORION« erforscht den ornamentalen und auch figürlichen Bauschmuck dieser Architektur. Es handelt sich um etwa 350 großformatige Bauteile. Sie erlauben nicht allein Rückschlüsse auf die Datierung und Bewertung der Bauten, sondern ebenso auf die Entwicklung der Stadt. Darüber hinaus besitzen sie Aussagekraft für die kunst- und kulturhistorische Entwicklung des westlichen Mittelmeergebiets überhaupt.
Schlagworte
Ionische Kapitelle, Spolien
Abstract
Emporion (Empúries – L´Escala), Spain. The architectural decoration of Emporion. Research on the architural decoration of the Greek and Roman city
The largest Greek settlement on the Iberian Peninsula was the coastal town of Emporion. After the Second Punic War, it was also settled by the Romans and continuously expanded. Significant evidence of monumental and residential buildings has been preserved from both cultures. The project »EMPORION« explores the ornamental and figurative decoration of this architecture. There are around 350 large-format objects. These not only provide information of the dating and evaluation of the buildings, but also of the development of the Emporion. In addition, they have an informative value for the art and cultural-historical development of the western Mediterranean area in general.

Emporion
Projekt
Projektverlauf
Spätarchaische Spolien auf der Palaiapolis
Klassische Antefixe aus der Neapolis
Bauteile in der römischen Stadt
Weitere Ergebnisse
Kooperationen
Förderung
Leitung des Projektes
Team
Abstracts