Orient-Abteilung
Gadara, Jordanien
749 AD. Ein Erdbebenhorizont am höchsten Punkt des Siedlungsareals
Auszug aus den Arbeiten der Jahre 2015, 2018 und 2019
1Seit 2015 liegt der Fokus der archäologischen und bauhistorischen Forschungen auf den Siedlungsdynamiken im Bereich des antiken Kerngebietes von Gadara, dem modernen Umm Qays.
2Am höchsten Punkt des Siedlungsareals, im oberen Dorf von Umm Qays, dem sog. Hara Foqa, liegt der als Areal 61 bezeichnete Grabungsbereich. Dieser markiert den südöstlichen Teil des Siedlungshügels intra muros, nicht unweit westlich des heute als Grabungshaus genutzten Bait Melkawi (Abb. 1). Es ist eine der wenigen Flächen, die nicht zum Ende des 19. Jahrhunderts überbaut wurden. Mit Unterbrechung in den Jahren 2016 und 2017 wurden die Forschungen 2018 und 2019 fortgeführt.
3Die Auswahl des Areals war den aktuellen, immer weiter um sich greifenden Bau- und Umstrukturierungsmaßnahmen geschuldet, die unvermeidbar eine Zerstörung bis dato ungestörter antiker Kontexte zur Folge haben. Im Fokus der Forschungen steht die Siedlungsgeschichte Hara Foqas en detail. Hier sind es Fragen zu baugeschichtlichen Entwicklungen, zur ›Wohn‹-Geschichte und Raumnutzung sowie zu Bautechniken, die in den kommenden Jahren im Rahmen eines Forschungsprojektes von Olga Zenker ergänzt durch das »Training and Capacity Buildung Project – Stonemason Apprenticeship and Building Preservation« verfolgt werden sollen. Die laufenden Ausgrabungen sollen die Anfänge der Siedlungstätigkeit bis hin zur Neubesiedlung der Hügelkuppe am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts herausarbeiten, um sie mit Entwicklungen in der Region zu vergleichen.
4Im Rahmen der Untersuchungen wurden zwei Schnitte angelegt. Schnitt 1 grenzt direkt an die hellenistisch-römische Festungs-/Stadtmauer und hat zum Ziel, die Binnenstruktur der Fortifikation besser zu verstehen und die extra muros bereits in den 1990er Jahren unter der Leitung von Adolf Hoffmann durchgeführten Arbeiten und Forschungsergebnisse von Brita Jansen [1] intra muros zu ergänzen. Schnitt 2, der im Fokus dieses Vorberichts steht, liegt nördlich von Schnitt 1, südlich eines offen liegenden Hypogäums, und dient der Erschließung der Gesamtanlage (Abb. 2).
Befundlage und Auswertung
5Schnitt 2 wurde zunächst 2018 in einer Größe von 1 x 2 m angelegt und 2019 zweimal nach Norden und Nordosten erweitert. Die volle Ausdehnung beträgt nun 8 x 5 m und soll in der nächsten Grabungskampagne erweitert werden (Abb. 2). Die erste Erweiterung in Richtung Norden integrierte einen vom jordanischen Department of Antiquities (DOA) unter der Leitung von Taher Bataime angelegten Schnitt aus dem Jahr 1999 im Anschluss an das Hypogäum. Zu jenem Zeitpunkt war der unterirdische Grabbau nach Angaben der jordanischen Kolleg*innen noch geschlossen.
6Die Schichtfolge konnte anhand von Stratigraphie und Fundmaterial grob in vier Phasen unterteilt werden (Abb. 3):
7Die bislang älteste Phase (Phase 4b) wird durch einen Raum oberhalb des Hypogäums (Abb. 4) gebildet. Dazu gehört die Ost-West orientierte Mauer aus Basaltblöcken (M 14) im Norden, die parallel zu den Längswänden der Innentonne des Hypogäums verläuft. Nach Westen bricht der Befund ab und es sind nur die Reste eines Fundaments aus Kalkstein (M 27) in gleicher Ausrichtung erhalten. An der Ostseite ist M 14 im Verband mit der Ostmauer (M 21) errichtet. Die Türöffnung in M 14 erschließt einen nördlichen Raum.
8Phase 4a, eine Umbauphase, fasst die erste Erweiterungsphase in dem Bereich zusammen (Abb. 5). Sie definiert eine Bau-/Raumerweiterung nach Süden und integriert die bereits bestehenden Mauerzüge. Zu dieser Phase gehören Basaltmauern, die im Osten (M 21/23), Norden (M 14) und Westen (M 26) einen Raum von ca. 4 x mind. 3 m definieren, wobei M 26 nur noch fragmentarisch erhalten ist. Die bestehende Ostmauer (M 21) wurde im Zuge dieser Umbaumaßnahmen nach Süden hin erweitert (M 23). Dies belegt die Baunaht im Anschluss von M 23 gegen die Südostecke von M 14 und M 21.
9Eine zeitliche Zuweisung von Phase 4 ist im Augenblick allein durch den terminus ad/ante quem der jüngeren Phase 3 gegeben, die in spätrömisch/byzantinische Zeit datiert werden kann. Im Zuge der zukünftigen Ausgrabungen, die u. a. die Freilegung der Fundamente dieser wohl ersten Bauphase und der Außenmauern des Hypogäums zum Ziel hat, wird eine genauere zeitliche Einordnung möglich sein.
10Während Phase 3 kommt es zu einer immensen Veränderung der gesamten Fläche. Dicke Schichtpakete, die einen großen Teil von Schnitt 1 bedecken, zeugen von breit angelegten Planierungs-/Nivellierungsarbeiten, die eine Erhöhung des gesamten Bereichs zur Folge hatten. Die Erhöhung konnte in Schnitt 2 durch eine vermutliche Nivellierung im Osten (FS 32) dokumentiert werden, die direkt von außen gegen die östlichen Mauern läuft.
11Erneute Umstrukturierungsmaßnahmen in den Räumen sind in Schnitt 2 in Phase 2 belegt, die in drei Unterphasen (Phasen 2a–c) gegliedert werden kann. Der in Phase 4b errichtete Raum mit seinen Einbauten wird während der Umbaumaßnahme neu definiert. In Phase 2c werden innerhalb des Raumes große Platten aus Kalkstein (FS 7) verlegt und die Türöffnung in der nördlichen Mauer (M 14) zugesetzt (FS 40). Ein Tisch(?) (FS 24), eine Plattform (FS 25) und eine Stufe (FS 26) werden an der Stelle gegen die Mauer (M 14) gesetzt (Abb. 6). Bei den jüngsten Funden der Bettungsschicht (FS 28) direkt unterhalb der großen Kalksteinplatten handelt es sich um Bodenfragmente zu Tellern, vermutlich aus phokäischer Produktion (Late Roman C Ware), die im 5. oder Anfang des 6. Jahrhunderts n. Chr. hergestellt worden sind. Sie geben einen ersten Anhaltspunkt der Umbauphase in byzantinische Zeit. Zeitlich versetzt und nicht vor Ende des 6./Anfang des 7. Jahrhunderts n. Chr. wird dann die Ostseite des Bereichs (FS 13) außerhalb der Mauern verfüllt. Es ist die letzte Aktivität und das Ende der Phase 2c.
12In Phase 2b fällt die Zerstörung des gesamten Komplexes, verursacht wohl durch das Erdbeben von 749 n. Chr., was jüngste Funde im Kontext eines Versturzes (FS 3) annehmen lassen. Durch die plötzliche Zerstörung, ausgelöst durch eine Naturkatastrophe, ist eine Momentaufnahme dokumentiert, durch die sich das Inventar des Raumes rekonstruieren lässt.
13Ein Krug (Abb. 7) auf dem Tisch (s. Phase 2c, Abb. 6), aber auch Vorratsbehälter (Abb. 8) und Tafelgeschirr (Abb. 9) lassen Rückschlüsse auf Ausstattung und Nutzung des Raumes im ausgehenden 8. Jahrhundert n. Chr. zu. Interessant ist die zeitliche Heterogenität des Materials: Zwei aus Nordafrika importierte Teller African Red Slip Ware (ARS D) des Typs Hayes Form 104C gehören zusammen mit lokal oder regional produzierten bag-shaped Amphoren und den rot auf weiß bemalten Gefäßen zum späteren Inventar der Räume (Abb. 9). Die gut erhaltenen Dolia mit Ritzdekor hingegen gehören, wie einige Krüge und Kochtöpfe, zum älteren Inventar (Abb. 8). Während letztere bereits im 5. Jahrhundert n. Chr. in Gebrauch sind, sind die jüngeren Funde erst in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts oder Anfang des 7. Jahrhunderts n. Chr. hergestellt worden, was für eine Nutzung der Räume von mehr als 100 Jahren spricht. Die Dolia waren vermutlich bereits in der ersten Nutzungsphase (Phase 4a) im Boden oder in Podesten eingelassen, was Spuren von Mörtel vom Boden bis zum Gefäßbauch an einem der Gefäße bezeugen. Später wurden auch bag-shaped Amphoren als Vorratsbehälter genutzt und in den Räumen aufbewahrt (Phase 2c). Da es kaum Anzeichen für spätere Funde aus der Mitte des 8. Jahrhunderts n. Chr. gibt, ist es wahrscheinlich, dass die Räume schon bereits ab Mitte des 7. Jahrhunderts n. Chr. nicht mehr oder kaum noch in Benutzung waren. Die Aufgabe der Anlage könnte in Zusammenhang mit der Verfüllung an der Ostseite des Baukomplexes stehen (Phase 2b). Erst wesentlich später wurden sie vermutlich durch das Erdbeben von 749 n. Chr. zerstört.
14Nach der Zerstörung sind kleinere Bergungs- oder Plünderungstätigkeiten (FS 29) sichtbar, die in Phase 2a zusammengefasst werden. Dabei wird die nördliche Mauer (M 14) durchtrennt und ein Teil des Plattenbelags in der Westhälfte (Phase 2a) entfernt. Der Bau einer Ost-West orientierten Trockenmauer aus Basalt- und Kalksteinspolien (M 24) zeugt bislang von der einzigen Bauaktivität, die vermutlich in Zusammenhang mit den Plünderungen kurz nach dem Erdbeben stehen (Abb. 10). Zu den Funden gehören eine Lampe und zwei Schalen mit Ritz- und Barbotindekor, die nicht vor dem 8. Jahrhundert n. Chr. hergestellt worden sind (Abb. 11). Jüngere Funde, die eine Nutzung der Fläche in abassidischer Zeit belegen, sind bislang nicht bekannt. Es gibt auch sonst keinen Hinweis, dass das Areal nach dem Erdbeben weiter besiedelt war. Aktivitäten sind erst wieder in spätosmanischer Zeit belegt, als u. a. das heute noch größtenteils erhaltene und restaurierte Hofhaus der Familie Melkawi (Bait Melkawi) in Hara Foqa errichtet wurde. Die letzte Phase aus spätosmanischer Zeit (Ende 19. Jh.) bis zum heutigen Tag ist unter Phase 1 zusammengefasst. Müllgruben und Brandschuttschichten, die im Schnitt 2 zahlreich dokumentiert werden können, zeugen vom Leben der Familien bis Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Ausblick
15Um die erste Bauphase in Schnitt 2 zu klären (Phase 4b), müssen die Fundamente der Umfassungs- bzw. Außenmauern, wie z. B. des Hypogäums, der Mauern M 21 und M 23, freigelegt und untersucht werden. Die Ergebnisse werden helfen, das Raumgefüge der Gesamtanlage mit seinen Annexbauten in einen größeren Kontext zu setzen. Noch ist unklar, wie die älteste bisher zu fassende Raumeinheit (M 14, M 21 und M 27) mit dem benachbarten Hypogäum in Zusammenhang steht und zu interpretieren ist. Dass es sich um Lagerräume handelt, gilt durch die zahlreichen Vorratsgefäße als wahrscheinlich, doch wozu gehören diese Räume? Denkbar wäre ein ähnlicher Befund, wenn auch weniger monumental und zeitlich jünger, wie er an zwei weiteren Stellen in Gadara belegt ist [2]. Dann wäre der unterirdische Grabbau in Verbindung mit einer christlich-sakralen Nutzung, etwa einer Kirche oder einem Pilgerkomplex, zu sehen. Dafür würden auch die zahlreichen Tesserae und Mosaikfragmente sprechen, die in den Füll- und Versturzschichten von Schnitt 2 in großen Mengen gefunden wurden. Die untersuchten Räume könnten dann diesem sakralen Komplex zugeordnet werden. Für einen christlich-sakralen Kontext würde auch die Nutzungsdauer, die bislang für das 5. und 6./Anfang 7. Jahrhundert n. Chr. belegt ist, sprechen: dem Zeitraum, in dem Gadara Diözese für die Provinz Palaestina Secunda war. Anders als bei den umliegenden Kirchenkomplexen – wie im benachbarten von Günther Schauerte bearbeiteten, bislang unveröffentlichten ›Trikonchosareal‹ südwestlich des Areals 61 (Abb. 1) mit einer derzeitig postulierten Auflassung erst im 8. Jahrhundert n. Chr. [3] – wäre das hier untersuchte Gebäude bereits im 7. Jahrhundert n. Chr. zum Teil oder gar nicht mehr in Benutzung gewesen. Um die These zu stützen oder zu widerlegen, sind weitere Untersuchungen im Bereich des Hypogäums geplant. Auch die Bauaufnahme des ausgeraubten Hypogäums selbst soll in der nächsten Kampagne abgeschlossen werden, um so auch eine typologische Einordnung zu ermöglichen.
16Durch den Erdbebenhorizont auf dem Siedlungshügel in Hara Foqa kann zum ersten Mal die partielle Nutzung des Areals noch in umayyadischer Zeit belegt werden. Die Ergebnisse erlauben somit einen wichtigen Fortschritt in Bezug auf die siedlungsgeschichtlichen Fragestellungen. Durch die äußeren Umstände, wohl verbunden mit einer Naturkatastrophe, deren Zerstörungshorizont eine Momentaufnahme des Jahres 749 n. Chr. widerspiegelt, ist ein Inventar des Baukomplexes dokumentiert und leistet einen wichtigen Beitrag – nicht nur für die Interpretation des Kontextes, sondern auch in Bezug auf die immer noch in den Anfängen stehende Keramikaufarbeitung spätantiker und frühislamischer Funde des antiken Gadara.
Kooperationen
Department of Antiquities of Jordan.
Leitung des Projektes
C. Bührig.
Team
L. Berger, H. Hamel, C. Hartl-Reiter, H. Möller, T. Neuser, A. Prust, D. Schäffler, V. Schröer, L. Watkins.
Abstracts
Abstract
Gadara, Jordan. 749 CE. An earthquake destruction layer at the highest point of the settlement area
The ongoing archaeological research at the ancient site of Gadara, Jordan, conducted jointly with the Department of Antiquities of Jordan has set its focus in the last years to the hilltop, the area of the upper village of Umm Qays, called Hara Foqa. The report presents an overview on the activities done in the last years with focus on a building-complex, probably destroyed by the earthquake in 749 CE. Its embedding into a broader context gives a first insight into the settlement history and development at the highest point of the ancient town. It shows the potential of an area that was left in Umayyad times and resettled more than thousand years later, when families started building their houses there again.

Befundlage und Auswertung
Ausblick
Kooperationen
Leitung des Projektes
Team
Abstracts