Typesetting
2021-2
Zentrale
Berlin, Deutschland/Olympia, Griechenland
Digital Roofs
Die Arbeiten der Jahre 2020 und 2021
1Zeugnisse griechischer und römischer Tondächer gehören zu den sehr häufig auftretenden Funden auf Ausgrabungen und Surveys. Sie erweisen sich nicht allein aufgrund ihrer Größe und auch ihres Gewichtes als eine Herausforderung. Dieser standen bereits die frühen Ausgräber gegenüber, wie man an der Dokumentation der Grabungen von Olympia (1875–1881) sehr gut nachvollziehen kann (Abb. 1. 2). Immer wieder berichten die Grabungstagebücher davon, dass man auf Schichten mit Ziegelschutt und Ziegelfragmenten stieß. Manchmal wird auch konkreter von Dachziegeln gesprochen. Aus diesen Kontexten wurden dann in der Regel nur die dekorierten Dachelemente als Dachterrakotten im Inventar aufgenommen. Letztlich publiziert wurden jedoch nicht die einzelnen Fundobjekte, d. h. die Individuen, sondern idealtypische Rekonstruktionen einzelner Elemente des Daches, einzelner Typen unverzierter Dachziegel bzw. verzierter Dachterrakotten. Vor allem die unverzierten Dachziegel fanden in den Grabungsdokumentationen neben einer exemplarischen Berücksichtigung grundsätzlicher Typen vor allem dann eine genauere Beachtung, wenn sie Stempel, Graffiti oder andere Besonderheiten aufwiesen. Die spezialisierte Forschung setzte sich daher immer wieder durch die Formulierung von Dokumentationsstandards und die Vorlage von Grundsatzpublikationen dafür ein, den Elementen der Dächer bei der Grabungsdokumentation und in der Fundbearbeitung mehr Beachtung zu schenken. Durch die Digitalisierung der Forschungsprozesse erhält auch diese Diskussion neue Impulse. Einige der grundsätzlichen Fragen haben sich aber nicht verändert, sondern nur ins Digitale verlagert.
2Das Projekt »digital roofs« setzt genau hier an (Abb. 3. 4). Es geht dabei jedoch nicht darum, Idealtypen von Dächern oder Dachelementen nun als digitale 3D-Modelle zu rekonstruieren. Es geht vielmehr darum:
1. neue Verfahren zur digitalen Dokumentation von Dachziegelfunden zu testen und zu verbessern,
2. die Veröffentlichung unbearbeiteter Dachziegel-Konvolute auf Grabungen zu fördern und
3. zugleich ein Kompendium gut dokumentierter Vergleichsfunde zu erstellen.
3Dazu arbeiten mehrere Abteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts zusammen. Ausgehend von einem Kernprojekt in Berlin werden die dort entwickelten Verfahren, Methoden und Techniken in konkreten Projekten der Abteilungen Athen und Rom diskutiert, entwickelt und immer wieder in der konkreten Arbeit nachjustiert. Zwischenergebnisse sollen regelmäßig in der neuen open access-Zeitschrift des DAI »Forum for Digital Archaeology and Infrastructure« vorgelegt werden.
Die digitale Dokumentation
4Die Ausgräber des 19. Jahrhunderts in Olympia skizzierten in den Inventarbüchern einzelne verzierte Elemente der Dächer so, dass einzelne typolo-gische Merkmale und manchmal auch der Erhaltungszustand erkennbar sind. Nur selten wurden Fotografien erstellt. Bereits während der Grabung begann Richard Borrmann daher, aus den einzelnen Fragmenten bestimmte Typen für die unterschiedlichen Dachziegel zu rekonstruieren und dann auch ganze Dächer idealtypisch zu rekonstruieren. Mit ihren Arbeiten in Olympia und ihrer Reise in der Magna Graecia leisteten Wilhelm Dörpfeld, Friedrich Graeber, Richard Borrmann und Karl Siebold (40. Berliner Winckelmannprogramm 1881) Pionierarbeit in der Dokumentation, Rekonstruktion und Einordnung antiker Tondächer. Sie nutzten dabei in einer Kombination von Schnitt und Ansicht eine Darstellungsform, mit der sie die dreidimensionale Komplexität der Dachelemente darstellten. Nicht systematisch dokumentiert wurden auf diese Weise individuelle Unterschiede zwischen einzelnen Typen von Dachziegeln bzw. Dachterrakotten, die auf unterschiedliche Produktionsprozesse bzw. eine spezifische Herrichtung für die Anbringung hinweisen. Die systematische fotografische Dokumentation schuf hier neue Möglichkeiten, erlaubt es jedoch nicht, die Komplexität der dreidimensionalen Form wiederzugeben. Diese lässt sich durch eine sehr aufwendige zeichnerische Dokumentation, wie sie die Bauforschung für Bauglieder entwickelt hat, dokumentieren. Die schiere Menge der Fragmente erlaubt es aber wiederum nicht, dass man jeden Fund in dieser Form dokumentiert.
5Eine Frage des Projektes »digital roofs« ist es zum einen, digitale Technologien zu testen und workflows zu entwickeln und zum anderen, die Diskussion in die Digitalität zu übertragen, welche Teile von Dachelementen signifikant sind und in welcher Form sie am besten zu dokumentieren sind. Dabei müssen Informationsgewinn und Dokumentationsaufwand in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen. Im Projekt werden dabei zwei Wege beschritten. Analog zu dem von Peter Demjan und Vladimir Držík entwickelten Laser Aided profiler, dessen Fokus auf der Dokumentation von Keramikscherben liegt, wird von Demjan und Držík ein Laser Aided profiler XL entwickelt, der es erlaubt, die Profile von Dachziegeln in genormter Form und mit großer Geschwindigkeit zu dokumentieren. Parallel dazu wird ein für die Dokumentation mittelgroßer Objekte spezialisierter Handscanner eingesetzt, der auch die Oberflächentextur erfasst (Go!SCAN 3D) (Abb. 5. 6. 7. 8; 3-dimensionaler Scan eines Flachziegels, 3-dimensionaler Scan eines Flachziegels mit Falz). Der Workflow von Dokumentation und Datenmanagement mit dem Handscanner wird in einem Modellprojekt am Beispiel der Funde von Dachelementen aus Olympia in der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz und in Olympia selbst [1] in Kampagnen im August, September und Oktober getestet. Die 3D-Modelle sollen wiederum im Emerging Field EF2-3 »Spline Models for Shape Trajectory Analysis« des Berliner Exzellenzcluster MATH+ analysiert werden. Traditionelle Verfahren wie die Fotografie, aber auch Verfahren der mikroskopischen Dokumentationen der Waren treten hier ergänzend an die Seite. Hier kommt ein kleines Handmikroskop zum Einsatz, das es flexibel erlaubt, Aufnahmen der Waren an Bruchstellen der sehr großen Ziegelfragmente zu machen [2] (Abb. 9).
Ein digitales Kompendium
6Mit der Dokumentation von Dachziegeln aus Olympia wird auf der Grundlage der umfassenden monographischen Publikation durch Joachim Heiden [3] ein bedeutender Bestand antiker Dachterrakotten und Dachziegel in unterschiedlichen Techniken digital erschlossen (Abb. 10; 3-dimensionaler Scan einer Rankensima). Damit ist das zweite Ziel des Projektes »digital roofs« angesprochen. Die Daten der digitalen Dokumentation sollen in Form eines Kompendiums als Teil des Projektes »digital shapes« zugänglich gemacht werden. Grundlagen des Kompendiums wurden durch einen digitalen Workshop »Digital Roofs: the first remote workshop« am 31. März 2021 und durch digitale Praktika für Studierende der Archäologie und Bauforschung gelegt [4]. Im Rahmen der Praktika wurden zum einen die Daten der Olympiapublikationen, der frühen Grabungsdokumentation und aus der Datenbank iDAI.objects/Arachne abgeglichen und strukturiert in Exceltabellen aufbereitet. Hinzu kam die Arbeit an einem mehrsprachigen Glossar, um Kernbezeichnungen und ihre nach Sprachen, Wissenschaftskulturen und Untersuchungsregionen ganz unterschiedlich gebrauchten Synonyme zu erfassen. Der Blick in die Forschungsliteratur zeigt, dass die bisherigen Variationen nicht als Rückgrat einer digitalen Datenerfassung geeignet sind. Die terminologischen Probleme gehen dabei weit über das Problem der deutschen Terminologie mit seinen Unschärfen zwischen »Ziegel, Dachziegel oder Dachterrakotte« hinaus. Dieses Glossar ist Teil eines Datenbankentwurfes, der bei der Erfassung und auch Analyse der Dachelemente helfen soll. Dieser Entwurf (Annalize Rheeder) wurde auf der Kampagne in Olympia getestet und soll nach erfolgreichem Testlauf mit der wissenschaftlichen IT des DAI dahingehend diskutiert werden, wie er in die iDAI.welt integriert werden kann.
Dachziegel im Kontext
7Verbunden ist das Projekt »digital roofs« mit einem zweiten Projekt, bei dem u. a. die Fundkontexte der Dachziegel aus Olympia rekonstruiert werden sollen. Aufbauend auf der Retrodigitalisierung der Grabungsdokumentation von Olympia und der Transkription von Inventaren und Tagebüchern unter Leitung von Reinhard Senff werden die Grabungsschnitte und Befunde mit den zuweisbaren Funden in iDAI.field rekonstruiert. Dabei rekonstruieren aktuell Friederike Fless die Kampagne 1 und 2 sowie Kristina Zielke als Forschungsstipendiatin des DAI die Kampagnen 3 und 4. Unterstützt werden sie durch die studentischen Hilfskräfte Fabian Gapp und Gunther Möller. Dieses Projekt mündet nicht in einer abgeschlossenen Datenpublikation, sondern soll in ein Projekt der fortlaufenden Erschließung und Verdichtung der Informationen zu den älteren Grabungen von Olympia münden. Zugleich lassen jedoch bereits die bisherigen Arbeiten interessante Ergebnisse zu Fundorten bzw. -arealen mit einer hohen Dichte an Ziegelschutt erkennen.
8Über die Detailergebnisse zum Einsatz der neuen Dokumentationstechnologie wird demnächst im »Forum for Digital Archaeology and Infrastructure« berichtet.
Kooperationen
Antikensammlung, Staatliche Museen Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz (M. Taschner); Abteilung Athen (R. Senff, K. Sporn); Abteilung Rom (O. Dally).
Leitung des Projektes
F. Fless, A. Rheeder.
Team
A. Brenne, R. Frank, F. Gapp, E. Kodheli, Z. Liang, C. Meckes, V. Meoni, G. Möller, S. Parkinson-Klimaschewski, S. Radulov, D. Venturi, N. Wündsch, K. Zielke.
Abstracts
Zusammenfassung
Berlin, Deutschland/Olympia, Griechenland. Digital Roofs. Die Arbeiten der Jahre 2020 und 2021
Friederike Fless, Annalize Rheeder
Das Projekt »digital roofs« verfolgt drei Ziele: (1) neue Verfahren zur digitalen Dokumentation von Dachziegelfunden zu testen und zu entwickeln, (2) die Veröffentlichung unbearbeiteter Dachziegel-Konvolute auf Grabungen zu fördern und (3) zugleich ein Kompendium gut dokumentierter Vergleichsfunde zu erstellen. Dazu arbeiten mehrere Abteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts zusammen. Ausgehend von einem Kernprojekt in Berlin werden die dort entwickelten Verfahren, Methoden und Techniken in konkreten Projekten der Abteilungen Athen und Rom diskutiert und immer wieder in der konkreten Arbeit nachjustiert.
Schlagworte
Architektur, Dächer, Dachziegel, Dokumentation, Elektronische Datenverarbeitung
Abstract
Berlin, Germany/Olympia, Greece. Digital Roofs. Seasons 2020 and 2021
Friederike Fless, Annalize Rheeder
The project »digital roofs« has three goals: (1) to develop and test new methods for the digital documentation of roof tile finds, (2) to facilitate the processing and dissemination of unpublished roof tile assemblages and (3) to compile a compendium of well-documented comparative finds. Several departments of the German Archaeological Institute are working together to achieve these goals. The main project, based in Berlin, has developed procedures, methods and techniques that are being tested, discussed and refined on current projects (carried out) by the departments in Athens and Rome.
Die digitale Dokumentation
Ein digitales Kompendium
Dachziegel im Kontext
Kooperationen
Leitung des Projektes
Team
Abstracts
2021-2