Zentrale
Vau i Dejës, Albanien
Das hellenistische Heiligtum
Die Arbeiten des Jahres 2021
Ein neu entdecktes Heiligtum hellenistischer Zeit in Albanien
1Die moderne Kleinstadt Vau i Dejës liegt im Nordwesten Albaniens und im Nordosten der küstennahen Zadrima-Ebene, die sich zwischen den heutigen Städten Shkodra im Norden und Lezha im Süden – in der Antike den illyrischen Zentren Skodra und Lissos – sowie der Adria im Westen und den bis zu den Albanischen Alpen ansteigenden Bergen im Osten erstreckt (Abb. 1. 2).
2Über das Drin-Tal und das Tal des Gjader, der bei Vau i Dejës in den Drin mündet, führten bereits in der Antike Wege in Richtung Zentralbalkan. Auf der spätantiken Straßenkarte Tabula Peutingeriana ist eine Straße von Lissus (Lezha/Albanien) nach Naissus (Niš/Serbien) verzeichnet, die nahe an Vau i Dejës vorbeigeführt haben muss. Heute verläuft die von Shkodra über Puka und Kukës weiter nach Osten in den Kosovo führende Staatsstraße SH5 direkt durch den Ort (Abb. 1. 2).
3Bislang war Vau i Dejës ein weißer Fleck auf der archäologischen Karte Albaniens, sieht man von einer kleinen bronzenen Kulthand des orientalischen Gottes Sabazios im Historischen Nationalmuseum Tirana ab, die diesen Herkunftsvermerk trägt (Abb. 3). Eine Vorstellung, aus welchem Kontext dieses Votiv stammen könnte, gab es bis vor kurzem nicht, denn archäologische Zeugnisse waren in Vau i Dejës nicht bekannt. Erst im Rahmen des deutsch-albanischen Ausgrabungsprojektes zum spätantiken Kastell von Vig im Tal des Gjader [1] wurde außer spätantiken Gräbern auf dem heutigen Rathaushügel auch ein unwegsamer, durch Felsen geprägter Fundplatz hellenistischer Zeit entdeckt, bei dem es sich den Funden zufolge offensichtlich um ein Heiligtum handelte (Abb. 1).
4Der ›hellenistische Hügel‹ liegt ungefähr 300 m vom Ortszentrum mit seiner Kathedrale entfernt direkt an der Hauptstraße in Richtung der Berge (Abb. 1). Er besteht überwiegend aus karstischem Fels und weist entsprechend nur wenig und weitgehend flachen Bewuchs auf. Dies gilt auch für den Hügelgrat, wo ebenfalls überwiegend zerklüftetes Gestein ansteht. Der südliche, zur Hauptstraße hin gelegene Teil des Hügels wurde durch einen Steinbruch teilweise zerstört (Abb. 1). Bei drei Begehungen wurden Keramikscherben, ganz überwiegend hellenistische Feinkeramik, Terrakottenfragmente und insgesamt zwölf Münzen überwiegend unmittelbar oberhalb der Störung gefunden, während in den ebenen Bereichen im nördlichen Teil des Hügels, wo der Hang weniger steil abfällt, keine Funde zu beobachten waren. Die Zusammensetzung des Fundmaterials sprach bereits mit großer Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich um Votivgaben eines Heiligtums handelt, welches nach Ausweis der Terrakotten einer weiblichen Gottheit geweiht war (Abb. 4.5).
5Das auf dieser Grundlage ins Leben gerufene deutsch-albanische Vau i Dejës-Projekt hatte daher als Ziel, die noch vorhandenen archäologischen Befunde und Funde zu sichern und zu dokumentieren, die Chronologie des Heiligtums als Grundlage für historische Interpretationen zu klären und der Frage nachzugehen, ob es sich eher um ein lokales Heiligtum oder möglicherweise um ein überregional bedeutendes Straßenheiligtum gehandelt haben könnte. Schließlich sollte durch Grabungen nach Möglichkeit – abhängig von dem unklaren Erhaltungszustand des Heiligtums – versucht werden, etwas über die ursprüngliche Aufstellung bzw. Deponierung der Votivgaben zu erfahren. Nicht zuletzt galt es, den Charakter der wenigen spätantiken Funde, zwei Münzen und einige Keramikscherben, zu klären. Waren sie lediglich Reste einer späteren profanen Nutzung des Geländes oder gar ein Beleg für ein spätes Wiederaufleben des Heiligtums?
Zahlreiche Votivgaben und eine schwarze Schicht
6Pandemiebedingt fand das Projekt im Spätsommer 2021 und damit ein Jahr später als geplant statt. In der Zwischenzeit waren nach Angaben von Anwohnenden Raubgräber mit Metalldetektoren auf dem Hügel aktiv geworden. Ihre Aktivitäten blieben aber offenbar auf die Hangbereiche beschränkt, wo wir im Gegensatz zu unseren früheren Begehungen fast keine Münzen oder andere Metallobjekte mehr finden konnten. Denn die teilweise zusätzlich durch Vegetation geschützten Votivdeponierungen in schwer zugänglichen Felsspalten hatten sie glücklicherweise nicht aufspüren können.
7Die Grabungskampagne begann mit dem Absammeln der Oberfläche an den Hängen und kleinen Sondagen, wobei sich zeigte, dass die Funddichte, zumeist kleine, ›verrollte‹ Scherben, am Westhang deutlich höher als am Südhang war, während sich auf dem übrigen langgestreckten Hügel keine weiteren Hinweise auf archäologisches Material finden ließen. Einzig am Westhang war eine schwarze, weil stark aschehaltige, Erdschicht zu beobachten, während ansonsten auf dem Hügel eine sehr rote, lehmhaltige Erde anzutreffen ist. In dieser schwarzen Schicht fanden sich auch immer wieder verbrannte Tierknochen – Reste von Brandopfern, die im Heiligtum vollzogen wurden und große Mengen an Asche hervorbrachten.
8Beim Ausgraben wurden in Spalten, die der unter der schwarzen Schicht liegende Fels bildet (Abb. 6), Keramikgefäße freigelegt, die annähernd vollständig oder unversehrt geblieben waren, sowie weitere Votivgaben (Abb. 4.5). Offenbar wurden die Gefäße, meist hellenistische Feinkeramik, aber auch einige einfache, nicht scheibengedrehte Becher (Abb. 7), nachdem sie eine Zeitlang im Heiligtum gestanden hatten, in die Spalten gestellt und diese dann mit aschehaltiger Erde und fragmentierten Objekten, Keramik und figürlichen Terrakotten aufgefüllt, um Platz für neue Votivgaben zu schaffen.
9Die Unzugänglichkeit dieser Spaltendeponierungen – insbesondere für Metalldetektoren – erklärt, weswegen die Befunde ungestört blieben und eine größere Anzahl an Metallobjekten, z. B. ein Napf und eine Fibel aus Bronze, ein Miniaturschwert aus Silber, ein Schlüssel, zwei Speerspitzen und zwei Messer aus Eisen und mehrere Bronzemünzen gefunden werden konnten (Abb. 8. 9. 10). Überraschend war, dass unter den Münzen mehrere spätantike Prägungen vertreten waren, ebenso wie Scherben spätantiker Keramik. Aus der Auswertung dieser Fundkontexte werden sich wichtige Aufschlüsse zur Deponierungspraxis und zum offensichtlichen Aufleben des Heiligtums in der Spätantike ergeben.
10Dem aktuellen Auswertungsstand zufolge ist davon auszugehen, dass im Heiligtum in hellenistischer Zeit in die Felsspalten Votivgefäße hineingestellt wurden und diese dann allmählich mit der schwarzen aschehaltigen Erde verfüllt wurden. Dies geschah im Rahmen von Reinigungen des Heiligtums, wobei die Votivgaben abgeräumt und als Eigentum der Gottheit ›bestattet‹ wurden. Nachdem offenbar mindestens dreihundert Jahre lang in dem Heiligtum kaum etwas passiert war, gelangten in der Spätantike wieder Münzen und Gefäßscherben in die schwarze Schicht innerhalb der Felsspalten. Auch zu Beginn der Grabungen stand die schwarze Schicht noch direkt an der Oberfläche an.
Die Geschichte des Hügels und seines Heiligtums
11Dass die materialführende schwarze Schicht nur auf einer sehr kleinen Fläche angetroffen werden konnte, hängt mit dem Erhaltungszustand des Hügels zusammen. Um die Staatsstraße SH 5 von Shkodra nach Kukës bauen zu können, die unmittelbar am Hügel vorbeiläuft, wurde in den 1930er Jahren der südliche Teil des Hügels zum Steinbruch – so berichten dies die unmittelbaren Anwohner*innen. Der halbrunde Einschnitt auf seiner Südseite zeugt von diesem Abbau. Offenbar ging dabei auch ein Großteil des Heiligtums mit seinem Altar als Mittelpunkt verloren, lediglich ganz im Süden blieb ein Teil des Hügels mit seiner schwarzen Schicht intakt.
12Im Rahmen der Kiesgewinnung kam sehr wahrscheinlich auch die kleine Sabazios-Kulthand zu Tage, die mit der knappen Herkunftsangabe »aus Vau i Dejës« zunächst in das Archäologische Museum in Tirana kam und 1981 in den Gründungsbestand des Historischen Nationalmuseums Albaniens ebenfalls in Tirana übernommen wurde (Abb. 3). Als Teil der großen Albanienausstellung »Schätze aus dem Land der Skipetaren« war die kleine Votivhand 1988 in Hildesheim zu sehen [2]. Sie könnte die Weihung eines Reisenden gewesen sein, der aus dem Zentralbalkan kommend in die Zadrima-Ebene gelangt war und die kleine Bronze nun als Dank für die erfolgreiche Durchquerung der beschwerlichen und gefährlichen Gebirgsregion in dem kleinen Heiligtum von Vau i Dejës weihte.
13Die detaillierte Auswertung der Funde und Befunde wird zahlreiche Informationen liefern, aus denen sich die Geschichte des Heiligtums zumindest teilweise rekonstruieren lassen wird. Soweit sich unmittelbar nach der Ausgrabung an der Keramik und den Münzen ablesen lässt, begann diese Geschichte spätestens gegen Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. Möglicherweise war das Heiligtum zu dieser Zeit ein extraurbanes Heiligtum der nahegelegenen illyrischen Stadt Bushat. Während jedoch Bushat die römische Eroberung Illyriens im Jahre 168 v. Chr. offenbar nicht überstand, gibt es Hinweise darauf, dass das Heiligtum von Vau i Dejës noch bis zur Zeitenwende existierte. Belege für Kultaktivitäten während des römischen Prinzipats (1.–3. Jh. n. Chr.) konnte die Grabung trotz der Materialfülle jedoch nicht erbringen.
14Als Arbeitsthese lässt sich diese Beobachtung mit der Geschichte des nicht weit entfernt gelegenen Lissos vergleichen, das als illyrische Stadt gegen Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. entstand, 168 v. Chr. zwar von den Römern zerstört, bald darauf jedoch neu aufgebaut wurde und im römischen Bürgerkrieg eine wichtige Rolle als Versorgungsstützpunkt Caesars spielte, bis es – sehr wahrscheinlich im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Aufstand der Illyrer gegen Rom 6 bis 9 n. Chr. – aufhörte zu existieren.
15Möglicherweise war das Heiligtum von Vau i Dejës daher als von kleineren Wasserläufen umgebener Fels ein wichtiger Kultort an einer Fernstraße, welche die illyrischen Zentren Skodra und Lissos mit dem Zentralbalkan verband.
16In der Spätantike jedenfalls erwachte das Heiligtum, dies lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt der Auswertung bereits sagen, während des 4. Jahrhunderts n. Chr. wieder zu einem gewissen Leben – ebenso wie die nahe gelegenen Städte Bushat und Lissos.
Kooperationen
Albanisches Archäologisches Institut Tirana (G. Hoxha).
Förderung
Deutsche Forschungsgemeinschaft.
Leitung des Projektes
A. Oettel, G. Hoxha.
Team
R. W. v. Bremen, J. Franzen, K. Gering, K. Golombiewski, M. Güngör, R. Hämmerling, A. Losniza, A. Lulgjuraj, F. Nagl, E. Nikolli.
Abstracts
Abstract
Vau i Dejës, Albanien. Das hellenistische Heiligtum. Die Arbeiten des Jahres 2021
The small Hellenistic sanctuary at Vau i Dejës (Northern Albania) was discovered in only 2015. The small village is located in the northeast of the Zadrima plain which extends between the modern cities of Shkodra and Lezha, formerly the ancient poleis of Skodra and Lissos. The site which is situated on a hill is marked by a rugged rock surface. The remarkably rich finds consist chiefly of sherds from fine Hellenistic ceramics and further of terracotta fragments from a female deity as well as Hellenistic coins and metal objects. In addition, there were some vessel fragments and coins from the period of Late Antiquity. Not one single object could be attributed to the Roman Period (1st–3rd centuries AD).
Schlagworte
Heiligtümer

Ein neu entdecktes Heiligtum hellenistischer Zeit in Albanien
Zahlreiche Votivgaben und eine schwarze Schicht
Die Geschichte des Hügels und seines Heiligtums
Kooperationen
Förderung
Leitung des Projektes
Team
Abstracts