Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik
Nordwestspanien
Der Nordwesten der Iberischen Halbinsel als integrative Kontaktzone indigener und römischer Bevölkerung
Die Arbeiten des Jahres 2019
Römisches Neuland
1Der Nordwesten der römischen Provinz Hispania citerior – ein Territorium, welches sich heute über die Staatsgebiete von Spanien und Portugal erstreckt – wurde erst verhältnismäßig spät und als letztes iberisches Gebiet von den Römern erobert. Es ist dann aber in der Kaiserzeit trotz seiner vermeintlichen Lage am Rande des Imperium Romanum rasch zu einer wirtschaftlich, militärisch und administrativ bedeutenden Region avanciert. In der in Arbeit befindlichen exemplarischen Regionalstudie zu den drei nordwestlichen Conventus (antike Gerichtsbezirke; Abb. 1) Asturum, Lucensis und Bracaraugustanus mit ihren Hauptstädten Asturica Augusta (Astorga), Lucus Augusti (Lugo) und Bracara Augusta (Braga) stehen die Auswirkungen des Aufeinandertreffens zweier Kulturformen im Mittelpunkt. Die neuen römischen Machthaber sind vor Ort auf eine indigene Bevölkerung gestoßen, die in vielen Lebensbereichen ihre eigenen Gepflogenheiten und Praktiken hatte und diese auch nach der Einrichtung der neuen Herrschaft noch über lange Zeit pflegte. Es stellt sich daher die Frage nach den Voraussetzungen und den Ausprägungen der teilweise gleichzeitig zu beobachtenden Phänomene der Koexistenz, Abgrenzung, gegenseitigen Beeinflussung und kreativen Verbindung. In welchen Bereichen im Laufe von mehreren Jahrhunderten des intensiven Kontakts diese besonders deutlich hervortreten, ist Gegenstand dieser longue durée-Untersuchung, die zudem einen substantiellen Beitrag zur anhaltenden Romanisierungsdebatte leisten will.
2Als mögliche Erklärungsansätze für den durchschlagenden und andauernden Erfolg, mit dem die Römer die betreffende Region unterworfen haben, können die Ansiedlung römischer Kolonisten, die Förderung urbaner Siedlungen mit römisch geprägter Infrastruktur, der Ausbau von Fernstraßen oder die wirtschaftlichen Impulse, die von den römischen Garnisonen ausgingen, angeführt werden. Dies sind nur einige von vielen Instrumenten, mit denen die Römer üblicherweise neue Territorien in ihr Reich einzubeziehen trachteten. Um aber eine Aussage über den Romanisierungsgrad einer bestimmten Region treffen zu können, muss im Besonderen auch die jeweilige lokale Situation und ihre Entwicklung in den Blick genommen werden. So sprechen beispielsweise in Nordwestspanien viele Indizien für eine starke Kontinuität indigener Kulturelemente, insbesondere die anhaltende Verehrung lokaler Gottheiten, aber auch indigene Namen und linguistische Elemente oder regionale Herkunftsangaben. Römische und indigene Lebensformen existierten demnach in der Region über lange Zeit hinweg eng nebeneinander, verschmolzen aber auch zum Teil miteinander.
Inschriftliche Indizien für Integration?
3Im letzten Jahr konnte mit der Untersuchung eines Großteils der Grabinschriften des conventus Asturum eine besonders informationsreiche und weit verbreitete Quellengattung für das Thema fruchtbar gemacht werden (Abb. 2). Da die Epitaphe einen Querschnitt durch die Gesellschaft bieten, der für andere epigraphische Gattungen nicht gegeben ist, erschien es ratsam mit diesen zu beginnen. Neben den demographischen Daten zu Alter und Geschlecht der Verstorbenen geben die funerären Zeugnisse zunächst einmal Aufschluss über die lokale Praxis der Namensvergabe. So dominiert der römisch geprägte dreigliedrige Name (tria nomina) über lange Zeit hinweg bevor er vom Einzelnamen verdrängt wird (Abb. 3). Dies ist ein Zeugnis für eine starke Romanisierung, zumindest der Personen, die in Besitz des Bürgerrechts gelangt sind, ohne aus Italien zugezogen zu sein, und zudem auf das Medium der Inschrift zurückgegriffen haben.
4Darüber hinaus bieten die Grabinschriften Hinweise auf die öffentlichen Ämter, die unter römischer Herrschaft in der Region auf lokaler und provinzübergreifender Ebene ausgeübt wurden. In der Regel wurden die hohen Amtsträger allerdings nicht fernab Roms bestattet, so dass vor Ort auch kein entsprechendes Epitaph gefunden wurde, aber verstorbene Familienmitglieder konnten am Dienstort durchaus beigesetzt werden. Dabei können Form und Material des Grabsteines Auskunft über das Selbstverständnis und die Bereitschaft der Familie, sich lokalen Repräsentationsformen anzunehmen, geben (Abb. 4).
5Schließlich enthalten die untersuchten Grabinschriften zahlreiche Herkunftsangaben, die Aufschluss über die regionale und überregionale Mobilität geben. In diesen Beispielen zeigt sich anschaulich, dass auch zugezogene Personen die lokalen inschriftlichen Praktiken übernehmen und sich die betreffenden Epitaphe abgesehen von der Origo-Angabe inhaltlich und äußerlich nicht von den Grabinschriften der lokalen Bevölkerung unterscheiden. Dies gilt sowohl für die vor Ort, als auch für die fernab der Heimat gefundenen Grabinschriften (Abb. 5).
Das Bergvolk der Vadinienser
6Innerhalb der Gattung der Grabsteine, die in der Regel den Hauptanteil des epigraphischen Befundes ausmachen, muss für die betreffende Region noch auf eine Besonderheit aufmerksam gemacht werden: es handelt sich dabei um die etwa 50 Grabsteine des kantabrischen Volkes der Vadinienser (Abb. 6). Diese wurden in den Bergen fernab jeglicher urbanen Zentren im äußersten Osten des untersuchten Gebietes gefunden und stellen angesichts der weiten Streuung über ein großes Territorium keinen zusammenhängenden archäologischen Befund dar. Die wegen ihrer außergewöhnlichen Form (große abgerundete Quarzitstelen mit Pferden als ikonographischem Merkmal) unverkennbaren Grabsteine dieses Volkes stammen somit nicht aus einer Nekropole, sondern bei ihnen handelt es sich überwiegend um Einzelfunde bzw. kleinere Cluster. Da sie keine chronologischen Anhaltspunkte aufzeigen, ist eine präzise Datierung nur sehr schwer herbeizuführen, die Forschung geht vom Ende des 2./Anfang des 3. Jahrhunderts aus, also einer Zeit, als die römische Herrschaft in der Region schon seit langem gefestigt war. Durch die ausschließliche Verwendung der lateinischen Sprache und ihrem einschlägigen Formular in diesen Grabinschriften, scheint diese Annahme durchaus plausibel. Es ist vor allem die dort verwendete Onomastik, die zweifelsohne eine starke lokale Verankerung erkennen lässt. Die vadiniensischen Grabstelen sind also eindeutig ein hybrides Produkt zweier Bestattungskulturen und somit ein herausragendes Zeugnis für die Frage nach dem regionalen Romanisierungsgrad.
Ausblick
7Das bereits untersuchte funeräre Material zeigt auf gesellschaftlicher Ebene Tendenzen der gegenseitigen Beeinflussung auf, die nun für die beiden anderen Conventus bestätigt bzw. widerlegt werden sollen. Unter Hinzunahme zusätzlicher Quellenarten wird die Untersuchung im weiteren Verlauf des Projektes auf andere Spannungsfelder ausgedehnt, wobei u. a. die religiösen Gepflogenheiten für die Fragestellung besonders ertragreich zu sein scheinen. Die Auswirkungen auf Verwaltung und Militär scheinen auf den ersten Blick geringeren Ausmaßes zu sein, eine Einschätzung, die aber noch am Quellenmaterial überprüft werden muss.
8Auch wird es interessant zu sehen sein, ob sich innerhalb dieser in ihrer Ausdehnung überschaubaren, aber dennoch hinreichend großen Region Unterschiede hinsichtlich der Romanisierung fassen lassen. Dabei muss unbedingt den auf der Mikroebene etwaigen konträren Befunden Rechnung getragen werden, um Differenzierungen innerhalb des auf den ersten Blick homogenen Phänomens der Romanisierung herauszuarbeiten. Neben dem römischen und dem lokalen Einfluss spielt schließlich auch noch eine dritte Komponente in diese Fragestellung hinein, ist doch die Verbreitung griechischer Kulturelemente in dieser Region ein zusätzlicher Indikator für eine starke Romanisierung.
9Abschließend sei noch auf den engen Bezug aufmerksam gemacht, der zu einem weiteren DAI-Forschungsprojekt besteht: mit der Bearbeitung des epigraphischen Befundes der Städte Astorga und León im Rahmen des Projektes »Corpus Inscriptionum Latinarum II2: Mitarbeit an der Neuedition der lateinischen Inschriften der Iberischen Halbinsel« wird ein Teil der Quellen, die auch in dem vorliegenden Projekt von großer Bedeutung sind, aufbereitet und neu ediert.
Kooperationen
Centro CIL II de la Universidad de Alcalá; Universidad de Alicante (J. M. Abascal).
Leitung des Projektes
I. Mossong.
Abstracts
Zusammenfassung
Nordwestspanien. Der Nordwesten der Iberischen Halbinsel als integrative Kontaktzone indigener und römischer Bevölkerung. Die Arbeiten des Jahres 2019
Das Ziel dieses im Jahr 2016 begonnenen althistorischen Habilitationsprojektes ist es, die wechselseitigen Beziehungen zwischen römischen und indigenen Praktiken und ihre Bedeutung für die lokale Gesellschaft im Nordwesten der Iberischen Halbinsel herauszuarbeiten. Die untersuchte Zeitspanne erstreckt sich vom Ende des ersten vorchristlichen Jahrhunderts, als Rom diese letzte außerhalb seines Machtbereiches verbleibende Region Hispaniens eroberte, bis zur Spätantike. Im Jahr 2019 lag das Hauptaugenmerk auf der Analyse der lokalen und römischen Funerarpraktiken, unter besonderer Berücksichtigung der epigraphischen Quellen aus dem conventus Asturum.
Abstract
Northwestern Spain. The Northwest of the Iberian Peninsula as an integrative contact zone between indigenous and Roman population. Activities of the year 2019
The aim of this habilitation project in Ancient History started in 2016 is to examine the reciprocal interchange between Roman and indigenous habits and their influence on the local society in the north-western territory of the Iberian Peninsula. It is set in a time span extending from the late 1st century B.C., when the Romans conquered the last remaining region in Hispania outside of their power, through Late Antiquity. The primary objective of the year 2019 was to analyze the impact of local and Roman customs on the funerary habits, by focusing on the epigraphical testimonies from the conventus Asturum.
Resumen
Noroeste de España. El área noroccidental de la Península Ibérica como zona de contactos integradora entre población indígena y romana. Las actividades del año 2019
La finalidad de este proyecto de habilitación en Historia Antigua, iniciado en 2016, es analizar el intercambio entre prácticas romanas e indígenas y su influencia sobre la sociedad local en el noroeste de la Península Ibérica. El marco cronológico se extiende del siglo I a.C., época en que los romanos conquistaron la última región hispana que había permanecido fuera de su poder, hasta la Antigüedad tardía. El objetivo principal del año 2019 ha sido examinar el impacto de las costumbres locales y romanas sobre las practicas funerarias, poniendo el foco de atención sobre los testimonios epigráficos del conventus Asturum.

Römisches Neuland
Inschriftliche Indizien für Integration?
Das Bergvolk der Vadinienser
Ausblick
Kooperationen
Leitung des Projektes
Abstracts