Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen
Llanos de Mojos, Bolivien
Die Wiederentdeckung des »Mound Velarde«
Die Arbeiten des Jahres 2019
Einleitung
1Im Südosten der Llanos de Mojos, einem Savannengebiet das große Teile der bolivianischen Amazonasregion einnimmt, finden sich über 200 vorspanische Siedlungen mit zentralen Plattformbauten (Abb. 1). Letztere können bis zu 20 m hoch und mehrere Hektar groß sein. Die Siedlungen, die in die Zeit zwischen 500–1400 n. Chr. datieren, sind häufig von ringförmigen Wällen umgeben und miteinander durch dammartige Wege verbunden. Archäologische Grabungen wurden bislang nur in 7 dieser Siedlungen durchgeführt, die ersten bereits 1909 durch den schwedischen Ethnologen Erland Nordenskiöld. Von den drei Fundorten, in denen er Grabungen vornahm, ist nur der »Mound Masicito« identifiziert. Die Lage der beiden anderen, »Mound Hernmark« und »Mound Velarde«, war bislang unbekannt. Hier soll kurz dargelegt werden, warum die ›Wiederentdeckung‹ des Mound Velarde von Bedeutung ist und wie sie gelang.
Hintergrund und Fragestellung
2Nordenskiöld beschreibt den Mound Velarde als einen »von Menschen aufgeworfenen Hügel von etwas über 5 Meter Höhe, 45 Meter Länge und 25 Meter Breite«. Ein kleinerer Hügel lag in seiner Nähe und nördlich, östlich und westlich von diesen dehnte sich ein 2 bis 3 m mächtiges ›Kulturlager‹ aus (Abb. 2). Bei seinen Grabungen in diesem ›Kulturlager‹ unterschied Nordenskiöld zwei Siedlungsphasen, womit er der Erste war, der stratigraphische Beobachtung an einem archäologischen Fundort in Bolivien vornahm. Die Keramik, die sich in den von ihm »Lager A« und »Lager B« genannten Schichten fand, war grundverschieden. Den Bau des Hügels assoziiert er mit den Siedlern der jüngeren Phase (Lager A), allerdings hätten diese erst eine Zeitlang an dem Ort gesiedelt bevor der Hügel entstanden sei. Dies zeige sich an der Tatsache, dass das »Lager A« als dünnes Band auch unter dem Hügel vorhanden war.
3Die Keramik der jüngeren Siedlungsphase vom Mound Velarde kennen wir aus unseren Grabungen in Fundorten nahe dem Ort Casarabe (Loma Mendoza, Loma Salvatierra). Sie entspricht den Phasen 4 und 5 (1000–1400 n. Chr.) der für jene Fundorte herausgearbeiteten Keramiksequenz. Problematisch ist hingegen die Einordnung der Keramik der älteren Siedlungsphase der Loma Velarde (Lager B). Sie zeigt keine Verwandtschaft mit der Keramik der Phasen 1 bis 3 der Fundorte bei Casarabe und ist für andere Fundorte der Region nicht belegt. Eine Erklärung hierfür könnte sein, dass die Keramik der älteren Phase der Loma Velarde älter ist als die Keramik der Phasen 1 bis 3 der Fundorte bei Casarabe. Dies würde bedeuten, dass sie vor 500 n. Chr. datiert und dass zwischen den beiden Nutzungsphasen der Loma Velarde ein Hiatus von rund 500 Jahren existiert. Da die meisten der in neuerer Zeit untersuchten Fundorte rund 70 km weiter nördlich liegen, könnte die ältere Siedlungsphase der Loma Velarde aber auch eine kulturelle Ausprägung sein, die sich zeitgleich mit zumindest einer der drei ersten Phasen der Fundorte bei Casarabe nur im südlichen Randgebiet der Llanos de Mojos verbreitet hat. Neue Grabungen und 14C-Datierungen von Proben aus den beiden Fundschichten des Mound Velarde hätten die fehlenden Daten liefern können. Leider war bislang die genaue Lage des Mound Velarde unbekannt.
4Die einzige Karte im Bericht von Nordenskiöld hat den Maßstab 1:3.000.000 und ist, auch hinsichtlich ihrer graphischen Gestaltung, eher als grobe Skizze zu werten (Abb. 3). Immerhin ist der Mound Velarde dort westlich der »Laguna Larga« verzeichnet, einer auch heute noch unter diesem Namen bekannten, etwa 7,5 km ›langen‹ Lagune. Im Bericht Nordenskiölds werden nur wenige weitere geographische Bezugspunkte genannt. Demnach lag »dieser Wohn- und Begräbnisplatz [...] ca. 5 km von San Miguelito (60 km von Loreto) in südöstlicher Richtung in einer großen Waldung, einer sog. Isla. Ein Teil des Waldes ist gerodet und bebaut. Jetzt wohnen hier ein paar Chiquitanofamilien, die in den Diensten des Besitzers von San Miguelito, Dr. Velarde stehen. [...] Am deutlichsten ist der Wohnplatz um die Chiquitanohütten.« [1].
5Das genannte San Miguelito war eine Estanzia, die nicht mehr existiert. Die Erinnerung an den Ort, an dem das Wohnhaus und die Wirtschaftsgebäude gestanden haben, ist vollständig erloschen. Davon konnten wir uns überzeugen, als wir 2003 einen ersten Versuch der Lokalisierung des Mound Velarde unternahmen. Den entscheidenden Hinweis, in welcher der ›islas‹ (Waldinsel mit minimal erhöhtem Terrain) nahe der Laguna Larga der Mound Velarde zu suchen sei, erhielten wir viele Jahre später von Fanthy Velarde, einer Ur-Enkelin jenes Dr. Velarde, dem zu Ehren Nordenskiöld den Fundort benannt hatte. In ihrer Jugend existierten noch die verkohlten Reste einer der »Chiquitanohütten«, die auf dem Hügel gestanden hatte. Die von ihr auf einem Satellitenbild markierte Waldinsel wählten wir als eine der Regionen aus, die mittels eines LIDAR-Geländescans kartiert werden sollte.
Tätigkeiten 2019
6Mit dem Archaeology Department der University of Exeter, das bereits einige Jahre mit einem eigenen LIDAR-Scanner (Riegl VUX-1 UAV) in der Amazonasregion Vermessungen durchgeführt hatte, wurde für Oktober 2019 ein gemeinsamer Feldaufenthalt geplant und durchgeführt. Die Befliegung erfolgte mit einem in Santa Cruz de la Sierra angemieteten Hubschrauber. Ein Drittel der Kosten für die Flugstunden übernahm der bolivianische Staat. Der Vizepräsident der damals noch amtierenden Regierung von Evo Morales, García Linera, eröffnete das Projekt in einem feierlichen Akt in der Casa de la Cultura von Trinidad, der Hauptstadt des Departments Beni (Abb. 4).
7Die Datenerhebung für die LIDAR-Geländescans gestaltete sich von Beginn an schwierig. Der Rauch der Brände, die zwischen Juli und September 2019 rund 5 Millionen Hektar Wald im Tiefland Boliviens vernichteten, war auch in Trinidad so stark, dass der Flugverkehr zeitweilig eingestellt werden musste. Glücklicherweise säuberten ungewöhnlich heftige Regenfälle Ende September die Luft. Bei Regen konnte die Datenerhebung allerdings auch nicht durchgeführt werden. So erfolgten die Flüge zwischen dem 27. September und dem 5. Oktober 2019 wann immer es Rauch oder Regen zuließen. Acht zum Teil weit voneinander entfernt liegende Gebiete mit einer Gesamtfläche von knapp über 200 km2 wurden erfasst.
8So holprig wie die Erfassung der Daten verlief auch ihre Auswertung. Kurz nach Abschluss der Feldarbeiten wechselte der Kollege von der University of Exeter, der die Datenerhebung technisch durchgeführt hatte und auch für deren Auswertung vorgesehen war, in ein anderes Projekt. Die Rohdaten wurden von uns daraufhin der Firma ArcTron übergeben, die schnell feststellte, dass die Datenqualität schlecht war. Dennoch gelang es Martin Schaich und seinem Team, durch teilweise automatisierte/iterative Korrektur in Verbindung mit manuellem Eingreifen bei zu großen Ausgangsdifferenzen in den Messdaten, die archäologischen Strukturen herauszuarbeiten.
Ergebnisse und Ausblick
9In dem von Fanthy Velarde benannten Waldgebiet direkt westlich der Laguna Larga konnte der Mound Velarde identifiziert werden (Abb. 5). Die Maße des Hügels stimmen mit den von Nordenskiöld genannten exakt überein. Er liegt an der Südkante einer künstlich aufgeschütteten Terrasse, deren große Ausdehnung und wenig definierte Kanten wohl bewirkt haben, dass Nordenskiöld sie nicht als solche erkannte. Diese Terrasse entspricht dem ›Kulturlager‹ Nordenskiölds, von dem er vermerkt, dass es sich nur »nördlich, östlich und westlich« des Hügels ausbreitet. Wann dort neue Grabungen durchgeführt werden können wird davon abhängen, ob es uns gelingen wird Kontakt mit dem jetzigen Besitzer des Landes aufzunehmen und seine Einwilligung zu erhalten. Entsprechende Versuche haben wir bereits unternommen, bislang jedoch ohne Erfolg.
10Bislang noch nicht ausgewertet, da erst seit kurzer Zeit ›gerechnet‹, sind die Pläne mehrerer anderer Fundorte. Sie werden aber zweifellos unser Bild der vorspanischen Kulturen in dieser südlichsten Region des Amazonasgebietes von Grund auf verändern. Ein Blick auf den Gesamtplan des Fundortes Loma Cotoca (Abb. 6) genügt da. Mit rund 1,5 km Nord-Süd-Ausdehnung war die Siedlung größer als das mittelalterliche Bonn und die bis zu 22 m hohen pyramidenartigen Bauten, die das Zentrum der Siedlung bilden sind unverkennbar ›Herrschaftsarchitektur‹. Dass dieser Siedlungstyp in Südamerika keine Parallele hat, macht ihn umso interessanter. Die Interpretation der vielfältigen Details, die in den nun vorliegenden Fundortplänen erstmals sichtbar werden, wird uns noch lange Zeit beschäftigen.
Kooperationen
University of Exeter, Archaeology Department (J. Iriarte, M. Robinson); ArcTron (M. Schaich).
Förderung
Vicepresidencia del Estado Plurinacional de Bolivia, Programa de Intervenciones Urbanas/Programa de Planificación del Desarrollo.
Leitung des Projektes
H. Prümers, C. Jaimes Betancourt.
Team
R. Torrico.
Abstracts
Abstract
Llanos de Mojos, Bolivia. The rediscovery of the »Mound Velarde«
More than 100 years ago swedish ethnologist Erland Nordenskiöld pioneered in the archaeology of the bolivian amazon lowlands. At Mound Velarde, a prehispanic settlement located on the land of the Estancia San Miguelito, he made the first stratigraphic observations in Bolivia. A detailed report of his work was published in 1913 leaving one thing open: the exact location of the site. In October 2019, surveys carried out in the region using LIDAR (Light detection and ranging) made it possible to identify the site.
Einleitung
Hintergrund und Fragestellung
Tätigkeiten 2019
Ergebnisse und Ausblick
Kooperationen
Förderung
Leitung des Projektes
Team
Abstracts