Alexander Herda, Eckart Sauter

Karerinnen und Karer in Milet: Zu einem spätklassischen Schüsselchen mit karischem Graffito aus Milet

Die Entdeckung des ersten Graffitos in karischem Alphabet aus Milet bildet den Ausgangspunkt für eine Untersuchung über die Spuren der Anwesenheit der Karer in Milet und dem südlichen Ionien. Es ergibt sich das vielschichtige Bild einer komplizierten Wechselbeziehung zwischen den Karern und den seit der späten Bronzezeit in mehreren Migrationsschüben einwandernden ›ionischen‹ Griechen. Insbesondere die Schriftquellen, angefangen mit den hethitischen Annalen (16. – frühes 12. Jh. v. Chr.), aber dann vor allem Homer und die bruchstückhafte Überlieferung zur sog. Ionischen Migration (ab 8. Jh. v. Chr.) bezeugen eine Konfliktbeziehung, die spätestens im 12. Jh. v. Chr. beginnt (Milet VII, ca. 1180–1050 v. Chr.) und zumindest in Milet mit einer fast vollständigen Assimilation der karischen Bevölkerungsteile an die griechischen endet, während das karische Hinterland bis in das 4. Jh. v. Chr. hinein seine kulturelle Eigenständigkeit weitgehend erhalten konn- te. Das Graffito, das aufgrund des Inschriftenträgers, eines attisierenden Glanztonschälchens, in das beginnende 4. Jh. v. Chr. datiert werden kann, fällt in die Spätzeit des Gebrauchs der karischen Schrift. Der Schreiber mag ein aus dem karischen Hinterland nach Milet gekommener Karer gewesen sein, der das milesische Bürgerrecht erhielt. Es wurde in der klassischen Vorgängeranlage des sog. Heroon III gefunden, deren spätere Bauphasen Bezüge zum Apollon-Didymeus-Kult aufweisen. Der synkretistische, karisch-griechische Orakelgott Apollon Didymeus wurde wahrscheinlich als karischer Gott ntro-prŋida- (›Apollon Branchideus‹) in archaischer Zeit im zu Milet gehörigen Heiligtum von Branchidai/Didyma und möglicherweise auch im Filialheiligtum des Gottes im ägyptischen Naukratis verehrt.

Schlagworte

Milet; Karer; Graffito; Glanztonkeramik; Apollon Branchideus; Zeus-Tarhunt

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